21. April 2004 Gekochter Kohl, sagt man, werde besser, wenn er wieder aufgewärmt wird. Ob es sich mit den Spekulationen über Außenminister Colin Powell, der angeblich von Entscheidungsprozessen im Weißen Haus - zumal zum Irak-Krieg - ausgeschlossen wurde, auch so verhält, ist zu bezweifeln.
Das hält Journalisten, Buchautoren, die ganze Medienwelt in Amerika und anderswo freilich nicht davon ab, es immer wieder zu versuchen. Der vorerst jüngste Akt ist das Buch von Bob Woodward "Plan of Attack" (Angriffsplan), das am Dienstag in die Buchhandlungen kam, aber seit Tagen Gegenstand von Debatten, Kommentaren, Interviews und natürlich eines teilweisen Vorabdrucks in der "Washington Post" ist.
Ausgezeichnete Verbindungen
Die renommierte Tageszeitung ist nach wie vor formal Arbeitgeber des Starreporters Woodward, der den Rest seines Berufslebens davon zehren wird, daß er gemeinsam mit seinem Kollegen Carl Bernstein vor drei Jahrzehnten Wesentliches zur Aufdeckung des Watergate-Skandals geleistet hat. Doch ist Woodward seit Jahren vom Tagesdienst faktisch freigestellt, und er nutzt seine Zeit und seine ausgezeichneten Verbindungen zu Regierungsmitarbeitern zum Verfassen immer neuer aktueller Sachbücher - die dann im Gegenzug in der "Washington Post" vorabgedruckt werden.
Das ist ebenso Teil des Medienspektakels zur Förderung der Absatzzahlen wie die ungezählten von Interviews in Fernseh- und Radiostationen, Zeitungen und Zeitschriften, welche die Autoren dieser aktuellen Sachbücher gerne über sich ergehen lassen.
Woodwards Zugang bis in die Spitze verschiedener Regierungen ist gewiß einzigartig. Für sein Ende 2002 erschienenes Buch "Bush at War" (Bush im Krieg) über den Krieg in Afghanistan gewährte ihm der Präsident mehrere ausführliche Interviews. Und auch für Woodwards jetzt erschienenes Nachfolgeprojekt über die Invasion im Irak zeigte sich das Weiße Haus äußerst kooperationsbereit, wies etwa den Außenminister und andere Regierungsmitarbeiter dazu an, Woodwards Begehren um Interviews zu entsprechen. Außenminister Powell sprach auf Geheiß des Weißen Hauses mehrfach am Telefon mit Woodward, als dieser für sein neues Buch recherchierte.
Vom Weißen Haus empfohlen
Obschon mancherorts als kompromittierende Enthüllungsgeschichte darüber interpretiert, wonach der Präsident und seine engsten Mitstreiter wie Vizepräsident Dick Cheney, Verteidigungsminister Donald Rumsfeld sowie Mitarbeiter des Nationalen Sicherheitsrates den Plan zum Einmarsch im Irak ohne Rücksprache mit Außenminister Colin Powell gefaßt haben, empfiehlt die Website des Wahlkampfteams von Bush und Cheney Woodwards neues Buch ausdrücklich zur Lektüre - auch wenn das Weiße Haus in einigen Details der Darstellung Woodwards widerspricht.
Widersprochen hat auch Colin Powell abermals der beliebten Version, wonach er von den Konsultationen und Entscheidungen des inneren Machtzirkels neo-konservativer Dunkelmänner um den Präsidenten ausgeschlossen werde und seine warnende Stimme im "Oval Office" einfach kein Gehör finde. "Ich war wie jeder andere in der Regierung entschlossen, diesem Regime, das Massengräber mit unschuldigen Menschen gefüllt hat, ein Ende zu bereiten und es zu zerstören", sagte Powell am Montag. Für die Version des Außenministers, auf dessen angeblich abweichende Meinung viele in Europa und auch die politische Opposition in Amerika so große Stücke halten, spricht auch der Umstand, daß Powell mit seinem Auftritt vor dem UN-Sicherheitsrat im Februar 2003 an vorderster Front für seinen Präsidenten um eine harte Haltung der Staatengemeinschaft gegenüber dem irakischen Diktator focht.
Powell weist Darstellungen zurück
Powell wies weiter die Darstellung Woodwards zurück, wonach Bush schon am 11. Januar 2003 - also Wochen vor Powells Auftritt bei den UN und dem Scheitern der Bemühungen um eine gemeinsame Haltung des UN-Sicherheitsrates - zum Krieg entschlossen gewesen sei und seine Einmarschpläne dem saudischen Botschafter in Washington, Prinz Bandar, mitgeteilt habe. Vielmehr sei die Entscheidung zum Krieg erst im März, wenige Tage vor dem tatsächlichen Beginn der Invasion, getroffen worden, "und ich war detailliert vertraut mit dem Plan und mir war bekannt, daß auch Prinz Bandar über den Plan informiert wurde", sagte Powell.
Schließlich wies er die Darstellung Woodwards zurück, wonach er wegen tiefgreifender Meinungsunterschiede kaum ein Wort mit Vizepräsident Dick Cheney wechsle: "Wir haben ein ausgezeichnetes Verhältnis", sagte Powell.
Bush baut Vorsprung in Umfragen aus
Die neu entfachte Debatte darüber, ob der Präsident und die Regierung voreilig und starrköpfig in den Irak-Krieg gezogen sind und damit den Krieg gegen den internationalen Terrorismus vernachlässigt haben, hat nach jüngsten Umfragen dem Ansehen Bushs unter potentiellen Wählern nicht geschadet. Bush konnte im Gegenteil seinen Vorsprung auf seinen demokratischen Herausforderer John Kerry in Sicherheitsfragen ausbauen und seinen Rückstand in Wirtschaftsfragen aufholen - auch dank der wachsenden Zahl neuer Jobs.
Das am Dienstag veröffentlichte Ergebnis einer Umfrage der "Washington Post" und des Fernsehsenders ABC ergab bei der allgemeinen Zustimmung zu Person und Politik einen Vorsprung Bushs gegenüber Kerry von fünf Prozentpunkten - wobei die Befragten vor allem beim Heimatschutz und beim Kampf gegen den Terrorismus dem Präsidenten deutlich mehr trauen als Kerry. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine Umfrage vom Wochenende des Meinungsforschungsinstituts Gallup im Auftrag der Tageszeitung "USA Today" und des Nachrichtensenders CNN. Danach ist trotz oder gerade wegen der starken Verluste im Irak in den vergangenen Wochen ein Drittel der Befragten für die Entsendung zusätzlicher Truppen in den Irak; im Januar waren es nur elf Prozent. Ein Viertel - gegenüber 40 Prozent vor zwei Monaten - will die Zahl der Soldaten im Irak mindestens halten. Für einen Abzug sind nur noch 16 Prozent (nach 29 Prozent im Januar). Auch diese Umfrage ergibt einen allgemeinen Zustimmungsvorsprung für Bush gegenüber Kerry von sechs Prozentpunkten, wobei Bush abermals bei der Irak-Politik und beim Krieg gegen den Terrorismus deutlich vor Kerry liegt.
Auch wenn man es in Europa kaum glauben mag: Das Vertrauen der Mehrheit der Amerikaner, daß ihr Präsident und dessen Regierung beim Krieg gegen den Terrorismus und mit dem Einmarsch im Irak im wesentlichen das Richtige getan haben, ist noch lange nicht aufgebraucht.
Bildmaterial: dpa/dpaweb