Geheimdienste

Der Mann, der sich selbst ausspionierte

Von Horst Bacia

27. März 2008 Einmal Kundschafter, immer Kundschafter. So oder ähnlich soll Wladimir Putin es ausgedrückt haben, und der weiß schließlich, wovon er spricht: Aus der Gemeinde der Geheimdienstler tritt man nicht irgendwann einfach aus. Als Präsident Russlands hat Putin viele frühere Kollegen aus dem KGB an sich gebunden und ihnen in Staat oder Wirtschaft zu Einfluss und guten Einkünften verholfen. Aber auch sonst vergisst der Staatssicherheitsdienst, der sich jetzt FSB (Föderaler Sicherheitsdienst) nennt, bewährte frühere Mitarbeiter offenbar nicht.

So meldete er sich in dieser Woche mit Glückwünschen zum 90. Geburtstag von Heinz Felfe zu Wort; und der russischen Nachrichtenagentur RIA Nowosti, die vor allem für die Propaganda im Ausland zuständig ist, war das Ereignis eine Meldung wert.

War die Sowjetunion nicht untergegangen?

„Mit Recht gehört Felfe zur ruhmreichen Kohorte des sowjetischen Aufklärungsdienstes, die während des Krieges und der Konfrontation nach dem Krieg überaus wertvolle politische, militärische wissenschaftlich-technische oder operative Informationen gewonnen haben“, ließ der FSB verlauten. „Sie alle empfanden eine aufrichtige Sympathie für die Sowjetunion und waren bestrebt, unser Land beim Aufbau einer wahrhaft gerechten Gesellschaft zu unterstützen.“

Verblüfft reibt man sich die Augen: War die ruhmreiche Sowjetunion mitsamt der KPdSU und dem KGB nicht 1991 sang- und klanglos untergegangen? Und ausgerechnet Heinz Felfe soll Sympathie für das kommunistische System empfunden haben? Wenn überhaupt, traf das vermutlich erst nach dem Krieg zu. Denn während des Krieges war SS-Untersturmbannführer Felfe im Reichssicherheitshauptamt tätig, wo er zuletzt das Referat „Schweiz/Liechtenstein“ leitete und unter anderem mit dem Umtausch gefälschter Pfundnoten zu tun gehabt haben soll.

Ab 1947 für die Briten, 1951 zum KGB

Zum Kriegsende in britische Gefangenschaft geraten, begann der gelernte Spion 1947 als Agent für die britische Besatzungsmacht zu arbeiten. Er sollte subversive kommunistische Aktivitäten an der Universität Bonn beobachten, wurde aber nach einiger Zeit „abgeschaltet“, weil Zweifel an seiner Zuverlässigkeit aufkamen. Im Herbst 1951 ließ Felfe sich durch Vermittlung eines früheren SS-Kameraden namens Clemens in Berlin-Karlshorst als Mitarbeiter des KGB anwerben (Deckname: „Paul“).

Knapp zwei Monate später verhalf ihm derselbe Clemens zu einer Anstellung bei der „Organisation Gehlen“, dem Vorläufer des Bundesnachrichtendienstes. Dort wurde Felfe unter dem Decknamen „Friesen“ geführt. Bis zu seiner Enttarnung im November 1961 konnte er jetzt „auf zwei Hochzeiten tanzen“, wie Felfe es formulierte, als ihm weitgehend hinter verschlossenen Türen der Prozess gemacht wurde. Im Sommer 1963 verurteilte ihn der Bundesgerichtshof wegen Landesverrats zu 14 Jahren Zuchthaus; das war ein Jahr weniger als die Höchststrafe.

Leiter der „Gegenspionage Sowjetunion“

Anfang 1969 wurde der Häftling begnadigt und gegen drei Heidelberger Studenten, die in Moskau als CIA-Agenten einsaßen, sowie einige andere Agenten ausgetauscht. Nach einem „Kuraufenthalt“ auf der Krim ließ Felfe sich in der DDR nieder. Er wurde promoviert und soll an der Berliner Humboldt-Universität einen Lehrauftrag für Kriminalistik gehabt haben. Als Pensionär durfte er dann 1986 in einem Ost-Berliner Hotel seine nur in Westdeutschland erschienenen Erinnerungen vorstellen („Im Dienst des Gegners. Zehn Jahre Moskaus Mann im BND“).

Weil Felfe das Vertrauen General Gehlens genoss, stieg er in dessen „Organisation“ und später im Bundesnachrichtendienst schnell auf. Zuletzt leitete er das Referat „Gegenspionage Sowjetunion“, wurde also gleichsam für sich selbst zuständig. Weil schon damals der Verdacht bestand, es gebe einen Maulwurf des KGB in den Reihen des BND, nahm er an den internen Untersuchungen teil. Das Verfahren vor dem Bundesgerichtshof ergab, dass Felfe im Laufe seiner Agententätigkeit 15.000 geheime Dokumente fotografiert und über Funk oder bei persönlichen Kontakten ungezählte Botschaften übermittelt habe.

Mehr als neunzig V-Männer des BND soll er verraten haben. In seinen Erinnerungen gibt der Spion zu, er habe seine Auftraggeber unter anderem über die Pläne für eine Europäische Verteidigungsgemeinschaft und die Vorbereitungen für den ersten Besuch Bundeskanzler Adenauers in Moskau informiert.

Einhundert CIA-Agenten verraten

Welchen Schaden er tatsächlich anrichtete, lassen geheime Dokumente des amerikanischen Geheimdienstes CIA ahnen, die erst vor einigen Jahren aufgrund eines Gesetzes über die Offenlegung von Nazi-Kriegsverbrechen zugänglich wurden. Demnach arbeitete Felfe auch mit der CIA eng zusammen, nachdem er 1956 in die Vereinigten Staaten und zu einem einwöchigen „Briefing“ ins Hauptquartier Langley eingeladen worden war.

In den letzten zwei Jahren vor seiner Verhaftung sei er der am besten über „CIA-Operationen gegen sowjetische Ziele in Ost- und Westdeutschland“ informierte BND-Mitarbeiter gewesen, heißt es in dem jetzt nicht mehr geheimen Schadensbericht. Die Namen oder Decknamen von etwa hundert CIA-Agenten habe er verraten und 15.000 Dokumente weitergegeben. Darüber hinaus fügte er BND und CIA großen Schaden zu, weil Operationen gegen den KGB in der Planungs- oder Ausführungsphase sabotiert oder manipuliert werden konnten.

„Um ungestört zu sein, schloss ich mich meistens ein

Mit Agententätigkeit, wie sie in James-Bond-Filmen vorkommt, hatte der von Felfe begangene Geheimnisverrat, Landesverrat und Menschenverrat wenig zu tun. Es schien eher zuzugehen wie in den Spionageromanen John le Carrés aus der Zeit des Kalten Krieges, deren unscheinbarer Held Smiley sich mit der Rückseite seiner Krawatte die Brille putzt. Über sich selbst schrieb Felfe: „Übrigens erledigte ich den Hauptteil meiner Arbeit als Aufklärer in meinem Dienstzimmer während der offiziellen Arbeitszeit, denn es wurde nicht gern gesehen, wenn auch nach Dienstschluss gearbeitet wurde. Um ungestört zu sein, schloss ich mich meistens ein.“ Als er festgenommen wurde, saß er auf der Planstelle eines Oberregierungsrats, und die Ernennung zum Beamten auf Lebenszeit stand unmittelbar bevor.

Nach Angaben von Nowosti lebt der Neunzigjährige „in Deutschland“. Ob der „KGB“ wohl noch regelmäßig eine Rente überweist?



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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