30. November 2008 Die Hauptstadt wählt ein neues Parlament, und Wachtmeister Chand soll für einen reibungslosen Ablauf sorgen. Mit drei Kollegen steht er vor dem Wahllokal im Muslim-Viertel Nizamuddin, beobachtet, wie sich die weißgewandeten Männer mit ihren verschleierten Frauen in die Warteschlange stellen. Am Straßenrand haben die beiden größten Parteien des Landes - der Kongress und die Indische Volkspartei (BJP) - wie immer an Wahltagen ihre Stände aufgeschlagen, und auch Wachtmeister Chand bestätigt, dass alles seinen gewohnten Gang geht: Keine besonderen Vorkommnisse, Sir.
Wer wählen geht, der glaubt an seinen Staat, weshalb die Politiker am nächsten Morgen wohl wieder sagen werden, dass man sich um Indiens Muslime keine Sorgen machen muss. Doch in den Gassen Nizamuddins liegt eine sonderbare Stimmung. Aus einem offenen Fenster flimmert ein Fernseher, der gestern noch Bilder von Mord und Terror gezeigt hat. Viele standen in den vergangenen Tagen vor dem Gerät und verfolgten die dramatischen Ereignisse im fernen Bombay. Aber sprechen möchte niemand darüber: Was da passiert ist, ist schlimm, aber es hat nicht das Geringste mit uns hier zu tun, sagt ein Mann entschieden.
Die Normalität zerbröselt
Rasch bildet sich eine Menschentraube um ihn, und mit jedem Satz, der nun fällt, zerbröselt die scheinbare Normalität Nizamuddins. Immer werden wir Muslime beschuldigt, stößt einer hervor. Was auch passiert, unsere Gemeinschaft muss leiden - wir leben in ständiger Angst, sagt ein anderer und erhält sogleich Beistand: Früher haben wir alle friedlich zusammengelebt, jetzt greift man uns Muslime an. Ein Mann mit weißer Gebetskappe und rotem Bart zeigt auf die schäbigen Kioske auf der anderen Straßenseite und sagt: Wir haben keine Chancen im Berufsleben, wir enden bestenfalls als kleine Händler, und dann verjagt uns auch noch die Polizei.
Die Stimmung ist gereizt unter Indiens Muslimen, und der Terrorangriff auf Bombay droht sie weiter zu verschlechtern. Noch als die Gefechte in den beiden Luxushotels andauerten, wies die indische Regierung mit dem Finger auf Pakistan. In der Öffentlichkeit herrscht kein Zweifel mehr, dass die Terroristen aus dem Nachbarland mit indischen Gesinnungsgenossen zusammengearbeitet haben. Untersucht wird nun, ob die Indischen Mudschahedine oder die Islamische Studentenbewegung Indiens beteiligt gewesen sind. Ermittelt wird auch gegen den muslimischen Mafia-Boss Dawood Ibrahim.
Irreführung der Weltöffentlichkeit?
Niemand in Nizamuddin heißt die Terrorangriffe auf Bombay gut. Aber ebenso schwer ist jemand zu finden, der islamische Terroristen für die Schuldigen hält. Wo ist der Beweis?, fragt ein Mann vor der Moschee, der zuvor andere Passanten beiseitegeschoben hat. Wir werden doch immer als Verräter und Terroristen bezeichnet! Der Mann - auch er will seinen Namen nicht nennen - glaubt an eine Irreführung der Weltöffentlichkeit durch die indische Polizei, und seine Zuhörer nicken heftig.
Wie viele Muslime in diesen Tagen weist der Mann auf den Tod des Polizeioffiziers Hermant Karkare hin, der während des Einsatzes in Bombay erschossen wurde. Karkare war Chefermittler des Bombenanschlags von Malegaon, bei dem im September 37 Menschen starben. Das Blutbad vor einer Moschee wurde im ganzen Land diskutiert, weil die Polizei zunächst Islamisten beschuldigt hatte, dann aber mehrere Hindus verhaftete, unter ihnen eine Nonne und Männer mit Verbindungen ins Militär. Das hässliche Wort vom Hindu-Terrorismus kam plötzlich auf. Weil Karkare unangenehme Wahrheiten zutage gefördert habe und zu viel wisse, habe er sterben müssen, meint der Mann vor der Moschee: Bombay war nichts als eine große Inszenierung.
Gerichtsurteile bedeuten gar nichts
Verschwörungstheorien haben in Nizamuddin Konjunktur. Die indischen Terrororganisationen, die sich im Namen des Islams zu mehreren Bombenanschlägen in diesem Jahr bekannt haben, seien eine Erfindung, heißt es. Nicht einmal Usama Bin Ladin wird in Nizamuddin die Urheberschaft an den Terrorangriffen des 11. Septembers 2001 zugestanden. Dass überall auf der Welt islamische Terroristen - oft nach Geständnissen - rechtskräftig verurteilt worden sind, hält der Mann vor der Moschee für ein naives Argument: Gerichtsurteile bedeuten gar nichts, sie sind alle falsch.

Kritik nach Ende der Kämpfe am Sonntag in Bombay: Protest gegen Vorgehen von Regierung und Sicherheitskräften
Die Verbitterung ist gewaltig, und einigen ihrer Facetten ist man in Nizamuddin sehr nah. Nur ein paar hundert Meter von hier, im Osten des Viertels, lässt sich bestaunen, von wo der lange Weg der Muslime in die Marginalisierung begann. Hinter den Häusern erhebt sich das majestätische Grabmal von Humayun, dem zweiten Mogul-Herrscher über den Subkontinent. Im 16. Jahrhundert befanden sich große Teile des heutigen Indiens in islamischer Hand, und so blieb es für weitere 250 Jahre. Die wichtigsten Bauten des Landes stammen aus dieser Epoche, die bis heute Erhabenheit und Souveränität ausstrahlen.
In der Gesellschaft unterrepräsentiert
Heute blicken Indiens Muslime auf eine andere Wirklichkeit. Gleich jenseits der Hauptstraße thront das Luxushotel Oberoi, wo die neuen Oberschichten und wohlhabende Ausländer im Restaurant Threesixty für ein Glas Bordeaux so viel ausgeben, wie ein Zigarettenhändler in Nizamuddin in einer ganzen Woche verdient. Nizamuddins Gassen sind von Müll gesäumt, es riecht streng. Kabul erscheint näher als die Hauptstadt der neuen Wirtschaftsmacht, in deren Mitte das Viertel liegt.

„Manifester Versuch, indische Muslime zu rekrutieren”: Die Minderheit fühlt sich in Indien marginalisiert; Erinnerungen an Pogrome werden wach
Obwohl 14 Prozent, manche schätzen sogar mehr als 20 Prozent der Inder dem Islam anhängen, ist ihre Sichtbarkeit in der Gesellschaft gering. Gelegentlich schaffen sie es in höchste Positionen - bis hin ins Amt des Staatspräsidenten -, aber in den Parlamenten, in den Universitäten, in den Behörden sowie bei Polizei und Militär sind Muslime deutlich unterrepräsentiert. In einem Regierungsbericht wurde vor zwei Jahren nachgewiesen, dass Muslime gesundheitlich schlechter versorgt sind, über weniger Einkommen verfügen, seltener lesen und schreiben können.
Rückfall in nackte Barbarei
Die Klage über mangelnde Chancengleichheit hat sich in den vergangenen Jahren mit dem Gefühl verbunden, von der Hindu-Mehrheit gewaltsam an den Rand gedrängt zu werden. Die Wunden, die sich beide Religionsgemeinschaften während der Partition geschlagen haben, waren kaum verheilt, als in den späten achtziger Jahren der Hindu-Nationalismus wiedererstarkte. Mit der Zerstörung der historischen Babri-Moschee im nordindischen Ayodhya machten im Dezember 1992 Zehntausende Fanatiker klar, dass sie auch vor nackter Barbarei nicht zurückschrecken.
In den Jahren danach verschärften sich Spannungen zwischen den Religionsgruppen. Nachdem Muslime einen Zug mit Hindu-Pilgern in Brand gesteckt hatten, erlebte das Land seine schlimmsten Pogrome seit 1947. Im Frühjahr 2002 wurden im Bundesstaat Gujarat über Monate hinweg Muslime niedergemetzelt. Die Sicherheitskräfte und die hindunationalistische Regierung in Gujarat schauten weg, manche sagen sogar: stachelten an. Dass Ministerpräsident Narendra Modi noch immer im Amt ist, wird von vielen Muslimen als Beleg für die Einseitigkeit der indischen Justiz und Politik betrachtet. Unser erster Kampf galt der Unabhängigkeit, sagt der Mann vor der Moschee, jetzt beginnt der Kampf für unsere Rechte. Lange Zeit galten Indiens Muslime als immun gegenüber den Verführungen internationaler Terrorgruppen. Aber dies hat sich geändert. Der Nationale Sicherheitsberater der indischen Regierung, Narayan, sprach schon vor zwei Jahren von einem sehr, sehr manifesten Versuch, indische Muslime zu rekrutieren. Köder der Anwerber sei der Satz: Ihr wisst ja, was in Gujarat passiert ist.
Brüder auf Abwegen
Zwischen den großen indischen Parteien sind die Muslime, die eine wichtige Wählerschaft ausmachen, zu einem Spielball geworden. Die BJP, die im Frühjahr wieder an die Macht will, gibt sich nicht offen islamfeindlich; auch in ihren Reihen befinden sich Muslime. Aber sie sieht tatenlos und nicht gänzlich sympathiefrei zu, wie extremistische Hindu-Organisationen zündeln. Der Kongress wiederum, der seit viereinhalb Jahren die Regierungskoalition in Delhi führt, treibt seine Umarmungsstrategie zuweilen so weit, dass selbst Muslime sich die Augen reiben - etwa wenn Innenminister Shivraj Patil Terroristen mit Sprengstoffwesten als auf Abwege geratene Brüder bezeichnet.
In Nizamuddin ist man auf Politiker nicht gut zu sprechen. Nicht einmal muslimische Abgeordnete würden etwas für sie tun, beklagt der Mann vor der Moschee. Und doch finden sich im verdrießlichen Stimmengewirr des Viertels Spuren nationaler Loyalität. Wir haben uns 1947 bewusst entschieden, hier zu bleiben und nicht nach Pakistan zu gehen, sagt ein Bewohner Nizamuddins feierlich. Bedauert habe er dies nicht, im Gegenteil: Solange Indien existiert, können wir erhobenen Hauptes gehen. Und einer, der mit den Männern vor der Moschee nichts zu tun hat, ist sogar bereit, gegen Pakistan in den Krieg zu ziehen: Wir werden den Terrorismus bekämpfen, und wenn Pakistan nicht mit uns zusammenarbeitet, greifen wir es an. Der Muslim hatte am Morgen sein Kreuz bei der hindunationalistischen BJP gemacht.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: dpa