Von Daniel Deckers
Nimmt man den Sturm der Entrüstung, der mittlerweile über Papst Benedikt XVI. hinwegfegt, als Gradmesser der Spannungen zwischen islamischer und westlicher Welt, dann ist der Konflikt der Zivilisationen auf dem besten Weg, sich zu einem veritablen Kampf zu entwickeln.
Keine andere als diese Analyse aber dürfte schon den Äußerungen des Papstes zugrunde gelegen haben, die dieser in den vergangenen Tagen über das Verhältnis von Religion und Gewalt tat. Wie von ungefähr fiel diese Reise mit dem fünften Jahrestag der Terroranschläge vom 11. September 2001 zusammen, bei denen Unschuldige zu Tausenden im Namen eines Gottes sterben mußten.
Die Pathologien der Religion
Schon Papst Johannes Paul II. erkannte in einem Glauben, der solche Taten zu rechtfertigen vermag, und in einem Gottesbild, in dem Handlungen wie diese gerechtfertigt sein können, eine Perversion der Religion und verlangte von den Repräsentanten der muslimischen Welt, einer Gewalt im Namen Gottes abzuschwören. Gefruchtet haben die Appelle nicht viel, jedenfalls nicht so viel, daß sich nicht immer wieder Muslime im Namen Allahs aufgefordert sähen, Bomben in Zügen und Untergrundbahnen zu zünden.
Vor diesem Hintergrund ist es ein Ereignis von geradezu historischer Dimension, daß sich das Oberhaupt der katholischen Kirche in den vergangenen Tagen gleich in drei großen öffentlichen Ansprachen zu den Pathologien der Religion äußerte und im Verhältnis von Glaube und Gewalt einen Scheideweg erkennen will.
Gewaltverzicht
Dieser Weg verlief in der Vergangenheit beileibe nicht zwischen Christentum und Islam. Doch das war nicht das Thema des Papstes, der nicht als Historiker, sondern als Zeitgenosse sprach. Im übrigen hat sein Vorgänger im Jahr 2000 stellvertretend für die Kirche ein großes Schuldbekenntnis abgelegt, haben Papst und Konzil in den sechziger Jahren im Zweiten Vatikanischen Konzil jeder Gewalt und Zwang in Glaubenssachen abgeschworen. Genau diese Klärung steht auf muslimischer Seite noch aus.
Darauf - und nur darauf - hat der Papst hingewiesen. Die Reaktionen, die bis jetzt zu vernehmen sind, lassen freilich nicht darauf schließen, daß man die Anfragen des Papstes als der Stimme des Westens schlechthin ernst nähme. Auch das dürfte der Papst ins Kalkül gezogen haben, ehe er über den Heiligen Krieg sprach.
Text: F.A.Z., 16.09.2006, Nr. 216 / Seite 1
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