18. September 2006 Ein Sprecher des Scharia-Rates in der somalischen Hauptstadt Mogadischu hat am den Mord an einer italienischen Ordensschwester als barbarischen Akt bezeichnet und sein tiefstes Bedauern darüber ausgedrückt. Die als Schwester Leonella bekannte Nonne war von zwei Männern während der Sprechstunden in dem Krankenhaus erschossen worden, in dem sie arbeitet. Mit ihr wurde ihr Leibwächter getötet.
Zuvor hatte ein einflußreicher Imam die Kritik des Papstes am Zusammenhang zwischen Krieg und Glauben im Islam scharf verurteilt und dazu aufgerufen, daß jeder, der den Propheten Mohammed beleidigt, von dem Muslim getötet werden muß, der sich in der Nähe befindet.
Italienerin drittes ausländisches Mordopfer
Mogadischu wird seit Mai dieses Jahres von einem Rat aus Scharia-Richtern kontrolliert, die seither ihren Einfluß zielstrebig auf das ganze Land ausdehnen versuchen. Die Italienerin war das dritte europäische Mordopfer in Mogadischu, seit die Islamisten dort zum maßgeblichen Machtfaktor aufgestiegen sind.
Im Februar vergangenen Jahres ist eine britische Journalistin erschossen worden, im Juni dieses Jahres ein schwedischer Kameramann. Beide Morde wurden trotz entsprechender Zusicherungen der Scharia-Richter bisher nicht aufgeklärt. Im Fall des schwedischen Kameramanns waren sogar die Sequenzen einer später öffentlich gemachten Videoaufzeichnung entfernt worden, die den Mörder zeigen.
Am Montag hieß es, einer der beiden Mörder der Nonne sei unmittelbar nach der Tat vom Sicherheitspersonal des Krankenhauses festgenommen worden, hieß es. Wie die beiden Attentäter aber mit ihren Waffen in die Klinik gelangen konnten, ist ungeklärt. Am Eingang nahezu jeder Einrichtung in Mogadischu stehen bewaffnete Wachposten, die alle Besucher akribisch auf Waffen durchsuchen. Die Mörder hätten sich unter die Patienten gemischt und darauf gewartet, daß die Italienerin ein Gebäude verläßt, in dem sie Medizinstudenten gerade Unterricht gegeben hatte.
Verbliebene Nonnen ausgeflogen
Die 66 Jahre alte Schwester Leonella ist eine bekannte Persönlichkeit in Mogadischu. Zusammen mit drei Ordensschwestern betrieb sie die Mutter-Kind-Klinik der österreichischen Hilfsorganisation SOS Kinderdorf, eines von zwei funktionierenden Krankenhäusern der Stadt.
Die drei verbliebenen Nonnen waren am Montag aus Sicherheitsgründen nach Nairobi ausgeflogen worden. Dabei waren die Schwestern während all der Jahre, in denen kriminelle Kriegsherren Mogadischu kontrollierten, in der Stadt geblieben und hatten Aufforderungen ihrer Regierung, das Land zu verlassen, stets zurückgewiesen.
Somalias Präsident entgeht Anschlag
Unterdessen sind bei einem Anschlag auf den somalischen Präsidenten Abdullahi Yusuf am Montag offiziellen Angaben zufolge sechs Menschen getötet worden. Die Regierung macht Islamisten für die Gewalttat verantwortlich. Der Präsident der zuletzt weitgehend von den Islamisten entmachteten Übergangsregierung entging dem Attentat. Das Außenministerium teilte zudem mit, sechs Attentäter seien von Sicherheitskräften erschossen worden. Es vermutete die eine Gruppierung des Terrornetzes Al Qaida hinter dem Anschlag. Das Innenministerium bezeichnete solche Spekulationen aber als verfrüht.
Die international unterstützte Übergangsregierung hat nur einen Teil des Südwestens Somalias um Baidoa unter Kontrolle, der Rest des Südens mitsamt der Hauptstadt Mogadischu wurde zuletzt von einer Bewegung islamischer Gerichte erobert. Der Anschlag wurde mit einer Autobombe verübt, die vor dem Parlament in Baidoa gezündet wurde. Einem Regierungssprecher zufolge handelte es sich bei den Todesopfern um drei Leibwächter sowie drei Zivilisten. Von den Abgeordneten oder Mitarbeitern der Regierung sei niemand verletzt worden, sagte ein Sprecher.
Chaos und Anarchie
Zum Zeitpunkt des Anschlags hatten sich die Abgeordneten eben versammelt, um das neue Kabinett von Ministerpräsident Ali Mohamed Gedi zu bestätigen. Präsident Yusuf hatte die bisherige Regierung Anfang August für ineffektiv erklärt und aufgelöst. Angaben von Innenminister Hussein Mohammed Farah Aideed zufolge wurde der Anschlag von acht Attentätern begangen. Zwei seien verhaftet worden, sagte Aideed dem arabischen Fernsehsender Al Dschazira. Im Juli war ein Minister der Übergangsregierung in Baidoa vor einer Moschee erschossen worden. Im vergangenen Jahr war Regierungschef Gedi selbst das Ziel zweier Anschlagsversuche in Mogadischu und Jowhar.
In Somalia herrscht seit 15 Jahren Chaos und Anarchie. Damals stürzten lokale Kriegsherren den Militärdiktator Mohamed Siad Barre. Seither hat das Land 14 Anläufe unternommen, wieder eine Zentralgewalt zu installieren. Sie scheiterten alle an Kämpfen
zwischen den verschiedenen Stämmen und Interessengruppen.
Text: tos.; F.A.Z.
Bildmaterial: AP, REUTERS