Am Rande des Gipfels

Berlusconis Werte

Von Andreas Ross, L'Aquila

09. Juli 2009 Als Silvio Berlusconi am Mittwochabend nach dem ersten Gipfel-Tag in L'Aquila verkündete, das Schlimmste der Krise liege nun hinter uns, da ging es eigentlich um die Weltwirtschaft. Die Zahlen, mit denen der - von anderen G-8-Mitgliedern etwas zurückhaltender vorgetragene - Optimismus begründet wurde, hatte der Internationale Währungsfonds geliefert. Doch für Berlusconi geht es beim Gipfel der Mächtigen in der Abruzzen-Stadt, die er wegen des Erdbebens im April wieder und wieder als „Kapitale des Leides“ bezeichnet, auch um seine eigene Zukunft.

Trotz aller Versuche von mehr als 3000 Journalisten, die sich in der hastig umfunktionierten Polizeischule versammelt haben - niemand fand so recht eine nennenswerte Berlusconi-Peinlichkeit, die den Ministerpräsidenten als überforderten Weltpolitiker entlarvt hätte. Das wäre ein echter Rückschlag für Berlusconi, der den Italienern erstaunlich erfolgreich eingeschärft hat, er sei ein wichtiger Spieler im Konzert der Mächte, und sei es als unbestechlicher Vermittler zwischen Washington und Moskau.

Für Silvio Berlusconi geht es auf dem Gipfel auch um seine eigene Zukunft
Für Silvio Berlusconi geht es auf dem Gipfel auch um seine eigene Zukunft

Damit keine Missverständnisse aufkommen konnten, hatte Berlusconi am Mittwoch im Konferenzsaal auch gleich seine erste Wortäußerung im Kreis der Staats- und Regierungschefs zu einer präemptiven Klarstellung genutzt, wie sie das italienische Publikum zur Genüge kennt: Er habe, erläuterte Berlusconi seinen ausländischen Kollegen, nach wie vor hervorragende Popularitätswerte. Die Zustimmung betrüge deutlich mehr als 60 Prozent. Nicht unplausibel erscheint der Verdacht, dass Berlusconi bei der Präsentation dieses ganz persönlichen Konjunkturbarometers besonders den Briten Gordon Brown angeschaut haben könnte. Nicht nur liegen dessen Werte besonders weit unter Berlusconis Zustimmungsraten und lassen diese dadurch umso beeindruckender wirken.

Vor allem hatte ein Bericht der britischen Zeitung „Guardian“ in Rom reichlich Verstimmung verursacht, in dem Berlusconi als überforderter Gipfel-Ausrichter dargestellt wurde, der sich bei den Vorbereitungen von den Amerikanern die Butter vom Brot nehmen ließ. Die Zeitung hatte sich auf „westliche Diplomaten“ berufen und den Eindruck verbreitet, dass Italiens Platz in der Gruppe der Acht nicht mehr sicher sei. In Rom wurde die britische Delegation verdächtigt, die Berichterstattung des „Guardian“ gesteuert zu haben. Doch in L'Aquila wird Berlusconi nun weithin gelobt für seine zielstrebige Art, die Gespräche zu führen.

Schier pausenlos empfängt der Italiener Gäste, denn er hat mehr Staaten und Leiter internationaler Institutionen denn je zu dem Gipfeltreffen geladen. Für den in Ehe-Kalamitäten steckenden Gastgeber fügte es sich, dass auch das Abendessen der Politik gewidmet war. Ehefrauen waren nicht gefragt. Selbst die Gipfel-Sherpas blieben draußen, während man vor allem über Iran und den Nahost-Konflikt redete. Bis in den frühen Morgen ging die Veranstaltung. Danach musste nur Barack Obama noch ins Auto. Alle anderen schlenderten in ihre Schlaftrakte, die sich jeweils zwei Delegationen teilen, die Deutschen den ihren beispielsweise mit den Kanadiern. Trotz dünner Wände zwischen den Kammern wurde über etwaige Nachtschlaf-Probleme führender Staatenlenker zunächst nichts bekannt.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP

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