Von Bernhard Heimrich, London
10. Mai 2007 Am Anfang war nicht alles so, wie es schien. Die Autokolonne, die in der Morgendämmerung den Wahlsieger vom Londoner Nebenflughafen Stansted zur Festhalle am Hyde Park brachte, geriet kurz vor dem Ziel in eine Einbahnstraße und musste unter großen Schwierigkeiten zurückmanövrieren. Später wollte die Legende wissen, Blair habe die Ankunft mit Absicht verzögern lassen, um zur selben Zeit am Portal anzukommen wie die ersten Strahlen der Morgensonne.
Das zweite Malheur passierte beim Aussteigen. Blair stürmte so aufgeregt in die brodelnde Halle, dass er vergaß, seine Redenotizen mitzunehmen. Sein Gehilfe Campbell, der damals die Schwelle zur Karriere als Labours berüchtigter spin doctor überschritt, wollte mit den Zetteln hinter ihm herhasten, geriet dabei unglücklich mit einem Fuß unter ein Autorad und humpelte mit schmerzverzerrtem Gesicht in die Zukunft, die am Morgen des 3. Mai 1997 begann. Keine Kamera hat das gesehen.
Alles nur ein Taschenspielertrick
Am Ende war alles überhaupt nur ein Taschenspielertrick, der gut ausging. Blair und die Labour Party, Pardon: New Labour konnten einen berauschenden Wahlsieg mit einer parlamentarischen Mehrheit von 179 Mandaten feiern, die diese Regierung fast allmächtig machte. Doch das hatten sie nur den Unwägbarkeiten des britischen Wahlsystems zu verdanken.
In Wahrheit hatte Blair eine Million Wählerstimmen weniger als sein Vorgänger John Major, der fünf Jahre früher mit einer Mehrheit von 21 Abgeordneten ins Amt getreten war, nach den Spielregeln dieses Parlaments eine Marge für Hasardeure. In der Tat sollte diese Mehrheit dann Mann für Mann wegsterben oder sich anderweitig verflüchtigen und den letzten konservativen Premierminister zur Spottfigur machen.
Mit dem Namen Blair verknüpft
Oder genauer: der relativ gut ausging. Tony Blair hat für Labour drei Wahlen hintereinander gewonnen und ist über zehn Jahre am Stück Labour-Premierminister gewesen. Das ist eine historische Leistung. Sie sollte der Partei und Bewegung eigentlich ihr Selbstbewusstsein zurückgeben oder überhaupt zum ersten Mal geben.
In der neueren britischen Geschichte waren die Konservativen die naturgegebene Partei der Macht, die nur ab und zu einmal aussetzen musste; das waren Pannen des Systems. Zum ersten Mal in ihren gut hundert Jahren kann jetzt Labour nachfühlen, wie das ist. Das ist die wahre Wende von 1997, eine Art Paradigmenwechsel, und der wird für immer mit dem Namen Blair verknüpft sein.
Sichtbarster Erfolg im Hinterhof
Doch diese Medaille hat eine Rückseite: Überdruss. Im März haben bei einer Umfrage 57 Prozent gesagt, Blair sei zu lange im Amt. Das ließe sich als menschliche Regung verstehen. Man kann sich an einem Gesicht und an Manierismen sattsehen und an einer Stimme satthören. Niemand wüsste das besser als die Zuschauer Tony Blairs. Oder ist seine Politik schuld? Blairs sichtbarster Erfolg ist die politische Befriedung Nordirlands, sein hässlichster Fleck in der politischen Biographie das Engagement im Irak. Es ist vielleicht unfair, aber beide lassen sich nicht gegeneinander aufrechnen.
Dabei haben die Schießereien in Nordirland und der Terrorismus seit Beginn der siebziger Jahre bei weitem mehr britische Leben gekostet als, bis heute jedenfalls, der Einmarsch in den Irak. Aber Nordirland hatte schon immer eine Schattenrolle im Hinterhof. Nur deshalb konnte das nordirische Apartheidregime so lange schwären, bis 1970 die Bürgerrechtsbewegung der Minderheit und ihre finstere Schwester, der Terrorismus der IRA, auf den Plan traten.
Außerdem hat der Frieden in Nordirland mehr Väter als nur Blair. Da wären die beiden Friedensnobelpreisträger Trimble und Hume, und bestimmt hat sich auch Ian Paisley schnell noch die Anerkennung der Geschichte verdient, weil er endlich über seinen eigenen mächtigen Schatten gesprungen ist. Zudem hatte die IRA ihre erste große Waffenruhe 1994 im Benehmen mit der konservativen Regierung Major ausgerufen.
Geduld mit Nordirland
Historiker werden vermutlich sagen, seit damals sei alles nur noch ein Spiel um Zeit gewesen. Doch die Akteure konnten das nicht wissen. Als der neue Premierminister Blair im Oktober 1997 zum ersten Mal dem Sinn-Fein-Führer Gerry Adams offen die Hand gab, war das durchaus ein entschlossener Schritt ins Neue. Es war sogar das erste Mal überhaupt seit der irischen Teilung, dass die Verkörperungen dieser beiden ungleichen Mächte einander die Hand gegeben haben. Der Rest war Geduld.
Das aber ist die verräterische Bruchstelle der Regierungszeit Blairs. Mit Nordirland hatte er Geduld, mit dem Irak nicht. Die nordirischen Streithähne haben praktisch alle letzten Fristen missachtet; jedes Mal haben Blair und sein irischer Kollege Ahern tapfer gesagt, man sei so weit gekommen, nun wolle man auch noch ein bisschen länger warten. Notfalls wurde hastig das eine oder andere Gesetz geändert, das die Fristen verhängt hatte, womöglich sogar nachträglich. Die Entwicklung hat Blair recht gegeben.
Lass dich niemals beim Schauspielen ertappen!
Doch aus den Zeiten der UN-Verhandlungen, der Berichte der Waffensucher im Irak und der Auseinandersetzungen über Geheimdienstmaterial ist Blair als derjenige in Erinnerung, der antreibt, der keine Geduld mehr hat, der dem irakischen Regime ans Leder will. Man vergleiche das nur einmal mit der Zaghaftigkeit, mit der er eine andere historische Herausforderung umschlichen und schließlich heimlich aus den Kladden gelöscht hat: die Frage des Beitritts zur Europäischen Währungsunion. Mit dem Schwung von 1997 hätte er es vielleicht geschafft, doch nun ist es für Generationen verpasst, wenn nicht für immer.
Warum nur? Das ist bei Tony Blair immer wieder die Frage. Glaubt er selbst, was er gerade sagt? Glaubt er überhaupt an etwas? Dann wiederum - was sagen uns die Gerüchte, er wolle zum katholischen Glauben übertreten? Der Schauspieler Robert Lindsay, der jüngst in einem Fernsehfilm Tony Blair gespielt hatte, fasst sein Studium der komplizierten Figur so zusammen: Er ist ein guter Schauspieler. Aber er erinnert mich an etwas, was Anthony Hopkins einmal über unseren Beruf gesagt hat: Lass dich niemals beim Schauspielen ertappen!
Aus der Zeit der irakischen Kontroversen stammt jedenfalls das Bild, das Tony Blair als Andenken für alle Zeiten mitnehmen muss: der britische Premierminister als Schoßhund des Präsidenten Bush. Blair mag sich darob beleidigt fühlen; aber das ist noch gar kein Vergleich zum Gefühl von Verlegenheit, ja Scham, das die ganze britische Öffentlichkeit seinetwegen erfasst hatte. Und anders als das nordirische Kapitel, das so schön zu enden scheint, ist das irakische noch weit offen. Jede weitere mesopotamische Katastrophe wird noch mit auf das Konto Tony Blairs geschrieben werden, vielleicht sogar dereinst noch postum.
Das treueste Erbübel
Bei einem Blick von jenem Maitag 1997 aus hatten freilich weder Nordirland noch der Irak eine Rolle gespielt, umso mehr aber drei andere Begriffe: Erziehung, Erziehung, Erziehung. Das war Blairs Mantra beim ersten Parteitag an der Macht. Schlechte Nachrichten aus einer anderen Ecke sollten den Schwerpunkt zunächst verschieben; aber noch immer ist nicht die Rede vom Irak, sondern vom staatlichen Gesundheitssystem. Gesetz und Ordnung, vor allem der Unmut der Öffentlichkeit gegen die Randale auf den Straßen der Innenstädte und der schlechteren Wohnbezirke, steht als drittes Thema von Anfang an im Vordergrund.
Auf allen drei Gebieten haben die drei Regierungen Blair eine schier unvorstellbare Menge Geld zusätzlich ausgegeben. Heute verwendet die Regierung 5000 Pfund pro Schüler, doppelt so viel wie 1997. In einer Bilanz heißt es, am meisten profitiert hätten die Volksschulen und die Universitäten, während die höheren Schulen dazwischen weiter mit Problemen kämpfen.
Gemeint sind natürlich immer nur die staatlichen Schulen, nicht die privaten. Die sind gut bis exzellent, aber auch so teuer, dass nur jene besseren Leute, die selbst privat erzogen wurden, ihre Kinder wieder dorthin schicken können. Dieses doppelte Schulsystem ist die Grundlage des unantastbaren britischen Klassensystems, des treuesten Erbübels der britischen Gesellschaft, und jede Generation schreibt es fort.
Verbotene Tauchfahrten
Dasselbe gilt für das Gesundheitssystem. Keine Regierung zuvor hat jemals so viel Geld aufgewendet. Aus 34 Milliarden Pfund 1997 sind 94 Milliarden heute geworden. Die Statistiken sind besser, man wartet nicht mehr jahrelang auf einen Termin beim Facharzt oder eine Operation; doch die Erfahrungen der Patienten sind gemischt.
In der Bilanz des Innenministeriums zu Recht und Ordnung wiederum lassen uns sogar die Statistiken im Stich. Nach einer Zählung ist die Zahl der Verbrechen seit 1997 um 35 Prozent gefallen, nach einer anderen ist sie um das Dreifache gestiegen. An der Regierung kann es nicht liegen. Sie hat allein 3023 neue kriminelle Vergehen geschaffen, die bestraft werden müssen. Deshalb ist es heute auch verboten, ein graues Eichhörnchen zu kaufen oder zum Wrack der Titanic zu tauchen.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS