10. Oktober 2006 Es wird noch ein paar Tage dauern, bis die genauen Umstände des nordkoreanischen Atombombentests geklärt sind. Militärisch wird vor allem von Bedeutung sein, wie stark die Bombe war und ob der Test wirklich so reibungslos verlaufen ist, wie die Nordkoreaner behaupten. Erst wenn das bekannt ist, werden die Nachbarn und die Staatengemeinschaft insgesamt verläßlich beurteilen können, wie groß das Bedrohungspotential ist, über das der Diktator Kim Jong-il tatsächlich verfügt.
Politisch sind die Konsequenzen des Versuchs aber schon jetzt dramatisch. Kims kühner Streich wird die Weltpolitik verändern, zuallererst strategisch in der Wachstumsregion Asien, dann aber auch an anderen Orten, die weit entfernt liegen von jenem Hügel in der Küstenprovinz Hamgyong, in dem die Bombe gezündet wurde. Wenn die (westliche) Diplomatie keine angemessene Antwort auf die Provokation Pjöngjangs findet, dann könnte der 9. Oktober 2006 als jener Tag zu zweifelhafter Bedeutung gelangen, an dem ein neues nukleares Wettrüsten begann.
Kollateralschäden in aller Welt
Besonders ernst ist die Lage für Nordkoreas Nachbarn. Kim hat über Nacht ein Arrangement in Frage gestellt, das seit dem Korea-Krieg für einen zwar nicht gerade spannungsarmen, letztlich aber dauerhaften Frieden in Ostasien gesorgt hat: Amerika verteidigt Südkorea, China nimmt sich Nordkoreas an, und Japan hält sich zurück. Das war eine Regelung, die historische Spannungen und Rivalitäten in der Region bis zu einem gewissen Punkt unterdrückte, also beherrschbar machte, und allen beteiligten Staaten - außer Nordkorea - jene kapitalistische Entwicklung ermöglichte, von der heute die gesamte Weltwirtschaft profitiert.
Diese Ordnung könnte jetzt zusammenbrechen, womöglich sogar in Japan. Wenn es Kim gelingt, in den nächsten Jahren ein Arsenal an Sprengköpfen aufzubauen und damit seine Mittelstreckenraketen auszurüsten, dann wird man selbst in dem Land, das als bisher einzige Ziel und Opfer eines Nuklearwaffeneinsatzes war, ernsthaft über die Beschaffung eigener Atomwaffen nachdenken.
Für China, die asiatische Aufsteiger- und Vormacht, wäre das langfristig eine Herausforderung, welche die gesamte strategische Aufmerksamkeit der Führung in Beschlag nähme. Bisher mußte China nur die Vereinigten Staaten als militärisches und sicherheitspolitisches Gegengewicht in der Region beachten. Käme ein nuklear gerüstetes Japan hinzu, dann dürften die Interessengegensätze der beiden ostasiatischen Großmächte mit viel mehr Beharrlichkeit und Selbstbewußtsein ausgetragen werden, als das heute schon der Fall ist. Kollateralschäden dürfte auch der Rest der Welt zu spüren bekommen, und sei es nur in Form fallender Aktienkurse.
Chinas Gesichtsverlust
Überhaupt ist China der große Verlierer der nordkoreanischen Desperadoaktion. Vielleicht war die Hoffnung, daß Peking mäßigend auf Kim einwirken könne, nie realistisch und in erster Linie dem Wunschdenken (westlicher) Diplomaten geschuldet, die selber in Pjöngjang nicht vorankamen. Aber ein Gesichtsverlust ist es für einen Aspiranten auf globale Führungsverantwortung schon, wenn er den wirtschaftlich maroden Bruderstaat im Hinterhof nicht unter Kontrolle halten kann.
Vor einem Scherbenhaufen steht auch die südkoreanische Außenpolitik. Jahrelang hatte Seoul eine Politik gegenüber dem Norden verfolgt, die an der Grenze zur Beschwichtigung lag. Schon früher hatte Pjöngjang nur mit immer neuen Forderungen vergolten. In Seoul wird man sich jetzt nüchtern überlegen müssen, ob es nicht vielleicht doch besser ist, sich wieder enger an die Amerika zu binden. Gegen ein über Atomwaffen verfügendes kommunistisches Regime, dessen Stabilität sich nicht verläßlich beurteilen läßt, kann sich selbst ein wirtschaftlich so erfolgreiches Land wie Südkorea nicht alleine verteidigen.
Dabei reicht das Echo des nordkoreanischen Paukenschlags weit über Asien hinaus. Dem Nichtverbreitungsvertrag ist ein Schlag versetzt worden, von dem sich der vielleicht nicht mehr erholen wird. Das Abkommen regelt offiziell den Besitz von Nuklearwaffen, genauer gesagt: es beschränkt ihn auf die fünf UN-Vetomächte. Daß sich Israel, Indien und Pakistan, die den Vertrag nicht unterschrieben haben, ebenfalls Atomwaffen zugelegt haben, war schon nicht hilfreich. Nun hat aber zum ersten Mal ein Staat erst den Vertrag gekündigt und dann eine Bombe gezündet.
Kein Verlaß auf die Gesetze der Abschreckung
Das ist ein verheerendes Signal an alle Regierungen, die sich darauf verlassen haben, daß sie das Völkerrecht davor bewahre, von anderen Ländern nuklear bedroht zu werden. In vielen Hauptstädten wird man sich nun fragen, ob es nicht besser wäre, dem Beispiel Pjöngjangs zu folgen. Kandidaten für eine nukleare Bewaffnung gibt es vor allem in den Krisenregionen genug. Daß die Gesetze der Abschreckung, wie wir sie aus dem Kalten Krieg kennen, auch in einer Welt mit zwanzig oder gar dreißig Atomwaffenstaaten gelten, darauf kann man sich nicht verlassen.
Deshalb muß Kim jetzt einen Preis entrichten. Gegen einen Militärschlag hat sich Nordkorea schon immun gemacht, weil niemand (in Washington) die Gefahr eines nuklearen Gegenangriffs auf den Süden eingehen wird. Diplomatisch und wirtschaftlich kann man aber selbst ein weitgehend isoliertes Regime wie das nordkoreanische noch unter Druck setzen. Jedes Zugeständnis des Westens sollte es fortan nur zu einer Bedingung geben: der vollständigen Aufgabe der Arsenale Kims. Auf keinen Fall darf der Eindruck entstehen, daß der Diktator für seine Tat noch belohnt wird - und sei es nur in Form des Gewährenlassens. Denn das würde man sich merken - vor allem in Iran, das dabei ist, das Nordkorea des Mittleren Ostens zu werden.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: dpa