Uigurenproteste in China

Zwischen Kaschgar und Urumtschi

Von Wolfgang Günter Lerch

Ein Händler vom Volk der Uiguren an einer Straße in Kaschgar

Ein Händler vom Volk der Uiguren an einer Straße in Kaschgar

06. Juli 2009 In dem zu China gehörenden „Autonomen Gebiet von Xinjiang (früher Singkiang geschrieben) und Uigur“ leben etwa acht bis neun Millionen Uiguren bei einer Gesamtbevölkerung von knapp zwanzig Millionen. Ihr Siedlungsraum reicht von Kaschgar im Westen des rund 1,7 Millionen Quadratkilometer großen Gebietes bis fast an den Rand der Wüste Gobi im Osten.

In der Mitte liegt die Wüste Taklamakan, eines der unwirtlichsten Gebiete unserer Erde. Heute ist Urumqi (früher Urumtschi) das - inzwischen auch von vielen chinesischen Zuwanderern geprägte, damit radikal veränderte - moderne Zentrum der Region, während Kaschgar noch immer als der traditionelle religiöse und kulturelle Mittelpunkt der Uiguren angesehen werden kann. Die Uiguren sind das mit Abstand größte jener Turkvölker in der Region, die man in früheren Zeiten „Ostturkestan“ genannt hat.

Kultur im Abseits

Ihre Sprache, das Neu-Uigurische, ist eine Weiterentwicklung des „Osttürkischen“ (Uigurischen), das schon eine reiche Literatur hervorbrachte, als die Uiguren noch nicht den Islam angenommen hatten. Dies geschah endgültig im 13. Jahrhundert. Das Neu-Uigurische wird bis heute mit arabischen Schriftzeichen geschrieben.

Vor mehr als tausend Jahren, als sie noch Schamanisten, Manichäer oder Buddhisten waren, gründeten die Uiguren nicht nur zwei große Reiche etwas weiter im Osten, sondern schufen nach deren Zerfall in den Oasen von Turfan (Kutscha, Bäzäklik) im Gebiet der klassischen Seidenstraße eine blühende Schriftkultur, die später die Mongolen beeinflusste. Mongolischen und türkischen Herrschern dienten sie als intellektuelle Elite, als Schreiber und Kanzlisten. Mit dem allmählichen Bedeutungsverlust der Seidenstraße für den Welthandel geriet ihre Kultur ins Abseits.

Rund um den Globus

Neben den Uiguren leben auch noch andere turksprachige und muslimische Minderheiten, wie Kasachen, Usbeken, Tadschiken und Kirgisen in Xinjiang, dazu auch mehr als 140.000 Mongolen und die Hui, muslimische Chinesen. Umgekehrt gibt es uigurische Minderheiten auch außerhalb dieses Gebietes, so in den angrenzenden muslimisch geprägten ehemaligen Sowjetrepubliken Kasachstan, Kirgistan, Usbekistan und Turkmenistan. Auch Afghanistan beherbergt eine uigurische Minderheit.

Doch die uigurische Diaspora reicht noch weiter: Die Uiguren unterhalten, geführt von der Familie Alptekin, seit vielen Jahrzehnten Organisationen in der Türkei. In München sitzt der Uigurische Weltkongress, in den Vereinigten Staaten hat sich neben dem Weltkongress die American-Uygur Association formiert, die sich besonders rege für die Bewahrung der uigurischen Kultur einsetzt, übrigens nicht nur in China, sondern überall, wo Uiguren leben. Auch in Australien und in den Niederlanden gibt es inzwischen eine uigurische Gemeinde.

Souveränität über Ostturkestan

Die Uiguren empfinden ihr Schicksal unter chinesischer Herrschaft ähnlich wie die Tibeter das ihre. Sie haben allerdings im Westen keine vergleichbare Lobby. Zuletzt war in den Medien von jenen Uiguren die Rede gewesen, die von den Vereinigten Staaten in dem Lager Guantánamo gefangen gewesen waren, in der Mehrzahl offenbar grundlos. Immer wieder kommt es in Xinjiang selbst seit den achtziger Jahren zu Demonstrationen, bisweilen auch zu Anschlägen von Extremisten.

Die jüngsten Unruhen sind die schwersten seit Menschengedenken. Als „Neues Grenzland“ - dies die Bedeutung von Xinjiang - wurde das Gebiet 1884 vom chinesischen Kaiserreich angegliedert, doch beanspruchte China schon seit vielen Jahrhunderten eine Souveränität über Ostturkestan, was immer wieder zu Aufständen führte, im 19. Jahrhundert ebenso wie im vorigen, als sich die Uiguren zweimal für unabhängig erklärten, zum letzten Mal 1944. Dieser Versuch scheiterte mit der Machtübernahme durch die Kommunisten 1949/1950.

Ausdruck des Protestes

Die Aktionen der Uiguren sind vor allem Ausdruck des Protestes gegen eine wachsende Fremdbestimmung durch die Han-Chinesen und die von Peking unter dem Namen „Modernisierung“ betriebene kulturelle Einschnürung, deren Mittel auch die bewusste Ansiedelung von Han-Chinesen ist. Offiziell gehören die Uiguren zu jenen 55 Minderheiten, deren Rechte festgeschrieben sind. Doch obwohl sie in ihrer Sprache publizieren dürfen und der islamische Ritus praktiziert werden kann, stößt doch die kulturelle und politische Entfaltung dort an ihre Grenzen, wo sich Peking politisch im Sinne eines Separatismus herausgefordert sieht.

Im Zuge des „Kampfes gegen den Terrorismus“ hat China erreicht, dass Kasachstan und Kirgistan zugesagt haben, „separatistische“ Bestrebungen der Uiguren in ihren Ländern nicht zu dulden. Als „Separatismus“ kann dabei fast alles interpretiert werden, was den erlaubten, engen Rahmen verlässt. In China fürchtet man ein Überschwappen türkistischer Bestrebungen aus „Westturkestan“, dessen Völker nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Unabhängigkeit errangen.

Wie im benachbarten Kasachstan, wo die Sowjetunion im Gebiet von Semipalatinsk (heute wieder kasachisch Semey genannt) ihre Atomversuche unternahm, war die Region von Xinjiang, insbesondere der Osten im Gebiet des Lop Nor zwischen 1964 und 1996 Schauplatz der chinesischen Atombombenversuche. Xinjiang ist ein Gebiet reich an begehrten Bodenschätzen und zudem das Hauptanbaugebiet der Baumwolle in China.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, F.A.Z., REUTERS

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