Jassir Arafat

Symbol der palästinensischen Nationwerdung

Von Wolfgang Günter Lerch

Weltweit wird nach dem Tode Arafats kondoliert

Weltweit wird nach dem Tode Arafats kondoliert

14. November 2004 Durch den Tod Jassir Arafats, des Vorsitzenden der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) und der palästinensischen Autonomiebehörde, hat Israel seinen ehemaligen Partner beim Versuch eines Friedensprozesses verloren, der ihm freilich jahrzehntelang, bis zum Abschluß des historischen Gaza-Jericho-Abkommens im September 1993 in Washington, vor allem als Terrorist Nummer eins gegolten hatte.

Zuletzt hatte Israel den Palästinenser-Führer, quasi zum alten Zustand zurückkehrend, als „politisch irrelevante“ Persönlichkeit stigmatisiert, die als Verhandlungspartner nicht mehr in Betracht komme, und seinen Spielraum stark eingegrenzt, ihn in seinem teilweise zerstörten Hauptquartier in Ramallah, der Muqata, geradezu unter Hausarrest gestellt. Mehrfach stellten hochrangige Mitglieder der israelischen Regierung in den letzten Jahren, seit Ausbruch der zweiten „Intifada“, sogar öffentlich Überlegungen über eine eventuelle physische Eliminierung des palästinensischen Präsidenten an, dem sie die Verantwortung für Terroranschläge palästinensischer Extremisten zuschrieben.

Kein designierter „Kronprinzen“

Auf der anderen Seite haben die Palästinenser ihre wichtigste politische Persönlichkeit eingebüßt, einen Führer, der - obwohl umstritten und in letzter Zeit wegen seines autoritären Regierungsstils und der unter ihm grassierenden Korruption häufiger kritisiert - bis zuletzt so etwas wie eine integrierende Kraft innerhalb der zersplitterten palästinensischen Nationalbewegung gewesen ist. Wer wird Arafat nun ersetzen, etwa ein Kollektiv? Einen allgemein anerkannten Nachfolgekandidaten oder einen von Arafat seit längerem deutlich designierten „Kronprinzen“ gibt es nicht.

Rahman Mohammed Abdal Rauf Arafat al Qudwa al Husseini, bekannt als Jassir Arafat oder „Abu Ammar“ („Vater des langen Lebens“), liebte das Versteckspielen und politische Finassieren. Dies beginnt mit seiner Biographie. Unzählige Male wurde von palästinensischer Seite verbreitet, er sei in Jerusalem geboren. Dies geschah aus verständlichen Gründen: Ist doch Jerusalem, al Quds al scharif, „das hochedle Heiligtum“, für die Palästinenser, die übrigen Araber und die gesamte islamische Umma so etwas wie ein heiliges Symbol der Selbstbestimmung, Ziel der Erfüllung aller politischen Sehnsüchte. Möglich ist jedoch auch, daß Arafat aus dem Gaza-Streifen oder gar aus Ägypten stammte.

Mischung aus islamischem Eiferertum und arabischem Nationalismus

Geboren wurde er (amtlich) am 27. August 1929. Er verbrachte Kindheit und Jugend am Nil und in Gaza, allerdings auch in Jerusalem. Es war eine Zeit, in der religiöse und nationalistische Gefühle in Ägypten hohe Wellen schlugen. Die Entwicklung gipfelte 1952 in der Revolution der „Freien Offiziere“ unter General Nagib und Gamal Abdal Nasser, die den gegenüber dem Ausland hörigen und ausschweifend lebenden König Faruk stürzten und unter dem Beifall gerade vieler junger Ägypter eine gänzliche Neuordnung ihres Landes aus dem Geiste des arabischen Nationalismus, des Sozialismus und auch des Islams anstrebten.

Jassir Arafat studierte zu dieser Zeit mit anderen Palästinensern Ingenieurwesen in Kairo. Er war angetan von den Muslimbrüdern, die sich gemäß der Lehre ihres 1949 ermordeten Führers und Begründers Hassan al Banna gegen alles Fremde und Überfremdende in Ägypten wie in der Welt des Islams aussprachen. Die Mischung aus islamischem Eiferertum und arabischem Nationalismus, die zu Beginn der Nasser-Ära am Nil vorherrschte, ist Arafat niemals ganz losgeworden, auch wenn er im Grunde immer säkularistisch dachte.

Nicht ohne Grund war er über seine Mutter mit Hadsch Amin al Husseini, dem Mufti von Jerusalem, einer der schillerndsten Figuren der neueren nahöstlichen Geschichte, in Kontakt getreten. Hadsch Amin arbeitete zuerst mit den Briten, später dann mit dem nationalsozialistischen Deutschland zusammen, um die jüdische Einwanderung und die Gründung Israels zu verhindern. Man geht nicht fehl in der Annahme - und Arafat brachte dies seinerzeit beim Begräbnis seines Onkels auch zum Ausdruck -, daß der „Großmufti“ al Husseini lange Zeit eines der Vorbilder des Palästinenserführers gewesen ist. Für die israelische Seite desavouierte ihn dies, in den Augen der Palästinenser gereichte es ihm zur Ehre.

Nach dem Ende seines Studiums ging Arafat nach Kuweit, wo er für einige Zeit ein Ingenieurbüro eröffnete. In Kuweit gründete er mit Freunden die „al Fatah“, die noch heute wichtigster Bestandteil der PLO ist. „Al Fatah“ (vom arabischen Stamm „fataha“) bedeutet wörtlich: „Öffnung“, auch „Eroberung“. Die Männer der Fatah strebten eine Zerschlagung Israels und eine Rückeroberung der verlorenen arabischen Gebiete an. Arafat wollte - so lauteten jedenfalls die immer wieder vorgebrachten Formeln der PLO - an die Stelle Israels ein säkulares, „sozialistisches“ Palästina für Muslime, Juden und Christen setzen.

1974: Spektakulärer Auftritt bei den Vereinten Nationen

Nach dem Versagen Abdal Nassers im Sechstagekrieg von 1967 und dem Scheitern des großsprecherischen ersten PLO-Vorsitzenden Ahmad Schukeiri, der „die Juden ins Meer treiben“ wollte, kam Arafat an die Spitze der PLO, die er trotz vieler Turbulenzen und Spaltungen bis zuletzt innehatte. Er begann seine Karriere als Guerrilla- und Terroristenführer. Dies ist - ebenso wie bei den jüdischen Terroristen der Irgun und der Lehi, die später Politiker wurden - der am meisten fragwürdige Teil der Lebensgeschichte des Jassir Arafat. Die verheerenden Terroranschläge und Flugzeugentführungen in den späten sechziger und in den siebziger Jahren (so 1972 bei den Olympischen Spielen in München) mußten und müssen von Arafat verantwortet werden, auch wenn oft Splittergruppen oder Radikale vom Schlage eines George Habbasch Drahtzieher und Urheber solcher Bluttaten gewesen sein mögen.

Arafat „verkaufte“ sie nach außen, zunächst mit wachsendem Erfolg, wie sein spektakulärer Auftritt vor den Vereinten Nationen im Jahre 1974 zeigte. Damals hatte Arafat, dessen Markenzeichen das palästinensische Kopftuch wurde, einen Höhepunkt seiner Karriere erklommen, obwohl er sich mindestens ebensosehr gegen die Intrigen und Nachstellungen arabischer „Brüder“ wie gegen israelische Angriffe wehren mußte.

Terror oder Politik?

In der zweiten Hälfte der siebziger und in der ersten Hälfte der achtziger Jahre erlebten Arafat und die PLO einen zunächst langsamen, dann rapiden Verfall. Zunächst wurden sie in die libanesischen Bürgerkriegswirren verwickelt, an deren Ausbruch die bewaffneten Palästinenser nicht schuldlos waren; sie hatten sich im Libanon wie Räuberbanden aufgeführt und jeder staatlichen Autorität hohngesprochen. Die Syrer zähmten Arafat, versuchten die PLO für ihre Ziele zu instrumentalisieren und überließen sie dann den Israelis. Diese vertrieben die Palästinenser aus Beirut nach Tripolis. Unter dem militärischen Druck der Syrer verließ Arafat mit seinen Getreuen den Libanon in Richtung Tunesien. Freilich blieb man auch dort - wie die Bombardierung des PLO-Quartiers bei Hammam Lif nahe Tunis zeigte - vor Nachstellungen des Gegners nicht sicher.

In der Nähe von Tunis, in den Dörfern Sidi Bu Said, Karthago oder Gammarth, wo auch der PLO-Vorsitzende sich oft aufhielt, verlor Arafat wichtige Kampfgefährten wie Abu Dschihad und Abu Ijad, die entweder Opfer innerpalästinensischer Rache oder israelischer Geheimdienstangriffe wurden. Der Streit über die richtige politische Linie - etwa über die Frage: „Terror oder Politik?“ - führte zu erbitterten Fehden unter den Palästinensern und zu Abspaltungen von Extremisten wie der Gruppe um Abu Nidal.

Saddam als Held der Palästinenser - das schadete Arafat

Arafat entschied sich in der letzten Phase seines Lebens wieder verstärkt für die Politik. Mit dem Ausbruch der Intifada im Dezember 1987 begann sein politischer Wiederaufstieg, der seinen Ruf als Überlebenskünstler und geschickter Taktiker aufs neue bestätigte. Auf dem PLO-Nationalkongreß des Jahres 1988 in Algier konnte er einen Staat Palästina „auf dem Papier“ proklamieren; wenig später versicherte er, die Paragraphen in der PLO-Charta, die von einer Vernichtung Israels sprächen, seien „caduc“: hinfällig.

Das gab Anlaß zu vielen Spekulationen, führte aber auch zu ersten Kontakten mit den Amerikanern, die ihn bisher - jedenfalls offiziell - gemieden hatten. Im Konflikt und Krieg um Kuweit 1990/91 hatten sich die Palästinenser von Anfang an zu eng an Saddam Hussein angelehnt, als daß sie ihn fallenlassen konnten: Er wurde ihr „Held“, was auch dem Vorsitzenden Arafat schadete und die PLO viele Sympathien kostete. Die Amerikaner freilich ließen sich dadurch in ihrem Bestreben, wenigstens Friedensverhandlungen zwischen den Parteien anzustoßen, nicht beirren. Arafat begrüßte sie und beeinflußte sie indirekt - unter anderem über einen Verwandten, den palästinensischen Notablen Feisal al Husseini, aus der Familie des „Großmufti“ auch er.

Terrorist mit Friedensnobelpreis

Mit dem Abkommen von Washington schließlich landete Arafat einen neuen, großen Coup. Er kehrte auf die Bühne der Weltpolitik zurück, rettete - mit israelischer Hilfe - die PLO und setzte, dafür 1994 zusammen mit den israelischen Politikern Peres und Rabin mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet, einen Prozeß zwischen Israel und der arabischen Welt in Gang, der etliche Jahre vielen schon als unumkehrbar erschien: den langen und noch steinigen Weg zum Frieden.

Dies war ein Trugschluß. Israelische Hinhaltetaktik unter Netanjahu, schließlich die politische Hektik von Ministerpräsident Barak und der provokative Besuch Scharons auf dem Tempelberg sorgten zusammen mit Fehlkalkulationen Arafats dafür, daß aus dem Friedensprozeß wieder ein unerklärter Krieg wurde: die zweite Intifada, die weitaus blutiger verläuft als die erste und bis heute mehrere tausend Todesopfer, überwiegend unter Palästinensern, forderte. Sein Ziel, der offiziell und international anerkannte Präsident eines unabhängigen Staates der Palästinenser zu werden, hat Arafat nicht erreicht. Seine Verstrickung in den Terrorismus, den er so lange duldete, bis er seiner nicht mehr Herr wurde, ließ ihn für die Israelis zur politischen Unperson werden. Er starb als Vorsitzender des Autonomie-Rates, Quasi-Staatsoberhaupt einer von israelischen Siedlungen durchsetzten und zersplitterten halbautonomen Region im Gaza-Streifen und Teilen des Westjordanlandes, in das immer wieder, als Reaktion auf Anschläge palästinensischer Extremisten, in massiven Aktionen israelische Truppen eingriffen. Der anerkannte, unabhängige Palästinenserstaat ist weiter entfernt denn je. Die Palästinenser aber werden Arafat, der Symbolfigur ihres Aufbegehrens gegen die Abdrängung ins geschichtliche Abseits, trotz mancher Zankereien, ein ehrendes Andenken bewahren.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: AFPI, AP, dpa, dpa/dpaweb, EPA, REUTERS, Scanfoto

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