Solarstrom in China

Bauer Yu und die deutsche Glühbirne

Von Petra Kolonko, Shangnanyao

23. Mai 2007 Seit zwei Jahren kann Bauer Yu fernsehen, seine Kinder können abends beim Schein der Glühbirne Hausaufgaben machen. Eine mit deutscher Hilfe gebaute Solarstromanlage hat dem Dorf auf dem Bergland Südwestchinas endlich Strom gebracht. Nun brachte sie dem 100-Seelen-Dorf auch noch hohen Besuch, Bundespräsident Köhler begann hier seinen Besuch in China.

„Unser Leben ist besser und interessanter geworden“, erzählt Bauer Yu dem Bundespräsidenten vor den geschnitzten Toren seines kleinen Hofes. Die Dorfbewohner haben den Bundespräsidenten mit Gesang begrüßt. Zur Feier des Tages hat Bauer Yu die Tracht der Yi-Volksgruppe angelegt, einen bestickten schwarzen Mantel und einen schwarzen Turban auf dem Kopf. Etwas verschüchtert beantwortet er die Fragen des deutschen Gastes.

590 Dörfer ohne Strom

3200 Meter hoch liegt das Dorf, ein gewundener Waldweg führt von der Asphaltstraße des Tales auf die Höhe. Weil es so abgelegen ist, wurde nie eine Stromleitung hierher gelegt. Das wäre zu teuer. Stattdessen nutzt man jetzt die im Bergland von Yunnan reichlich vorhandene Sonnenenergie. Vor zwei Jahren wurde in der Mitte des Dorfes mit Mitteln der deutschen Entwicklungszusammenarbeit die Photovoltaikanlage gebaut, von der aus nun Stromkabel in die einzelnen Gehöfte gehen.

Die Bergbauern sind arm, gerade 500 Yuan (50 Euro) im Jahr erbringt die Landwirtschaft für die ganze Familie Yu. So viel gibt ein gutsituierter Städter in China für ein Abendessen im Restaurant aus. Und während in Schanghai und Peking die Nacht im Glanz der Neonwerbungen und Beleuchtungen erstrahlt, gibt es im bewaldeten Bergland der Provinz Yunnan noch 590 Dörfer, die ohne Strom sind.

Köhler: „Das ist ein optimales Projekt“

Die chinesische Regierung will, dass es nun auch in den abgelegenen Dörfern hell wird. Bis zum 60. Gründungstag der Volksrepublik China im Jahr 2009 sollen alle Dörfer mit Strom versorgt werden. In Yunnan und drei anderen westlichen Provinzen der Volksrepublik lässt sich die chinesische Regierung dabei von der deutschen Regierung mit Entwicklungsgeldern von insgesamt 26 Millionen Euro und deutschen Fachleuten helfen.

Für Bundespräsident Köhler passt dieses Vorhaben zum Tenor seiner China-Reise. Er will mit der chinesischen Regierung über Energie- und Umweltfragen und Klimapolitik sprechen. Mit energiesparender Produktion könne man Ressourcen einsparen, sagte Köhler bei seinem Besuch im Bergdorf Shangnanyao und pries die Solarenergie als eine Möglichkeit, umweltfreundliches Wachstum in China zu organisieren und für die ländliche Bevölkerung Entwicklung zu fördern. Köhler zeigte sich beeindruckt. „Das ist ein optimales Projekt.“

Deutsches Fachwissen

Braucht aber die Volksrepublik China, ein Land, das zur großen Wirtschaftsmacht aufgestiegen ist, ein Land, das auf ungeheuren Devisenreserven sitzt, ein Land, das Raketen ins All schickt und viel Geld für das Militär ausgibt, noch deutsche Hilfe bei Vorhaben wie der Elektrifizierung der Dörfer? Der Bundespräsident hält die Entwicklungshilfe für China weiterhin für gerechtfertigt. China sei riesig, viele Menschen lebten noch in Armut. Die chinesische Regierung selbst bemühe sich, die Armut zu bekämpfen, und es sei im Interesse Deutschlands, ihr dabei zu helfen.

Der Einsatz deutscher Fachleute und von technischem Fachwissen gehe weit über eine Geldfrage hinaus. Zudem habe Deutschland auch ein großes Eigeninteresse, erneuerbare Energien beim Großverbraucher China marktfähig zu machen, damit das chinesische Wirtschaftswachstum nicht noch mehr die Umwelt belaste und den Klimawandel beschleunige. „Deutsches Entwicklungshilfegeld ist gut angelegtes Geld, weil wir damit helfen, dem Klimawandel entgegenzuwirken.“

Chinas hohes Wirtschaftswachstum verbraucht immer mehr Energie. In der Volksrepublik kommen 70 Prozent der Energie aus der Kohle. China ist bereits der zweitgrößte Emittent von Treibhausgasen auf der Welt, gefolgt von den Vereinigten Staaten. China wird von vielen Seiten dazu aufgefordert, mehr zum Klimaschutz beizutragen. Die chinesische Regierung hat sich bis jetzt aber nicht auf Emissionsgrenzen festgelegt. Sie bleibt dabei, dass die Energieeffizienz verbessert werden soll, und schiebt ansonsten weiterhin den Schwarzen Peter den Industriestaaten zu, denn die hätten mit ihren hohen Pro-Kopf-Emissionen ja die Hauptschuld an der Erderwärmung.

Wasserkraft als größte „saubere“ Energiequelle

Auch wenn der chinesischen Regierung bewusst geworden ist, dass mehr zum Schutz des Klimas getan werden muss, so will sie doch auf keinen Fall das Wirtschaftswachstum gefährden, das ihr als Garant für den sozialen Frieden und somit auch das Weiterbestehen der Einparteienherrschaft in der Volksrepublik gilt.

Umweltschützer sahen sich immerhin ermutigt, als die chinesische Regierung verkündete, dass der Anteil der erneuerbaren Energien bis zum Jahr 2020 auf 15 Prozent erhöht werden soll. Um dieses ehrgeizige Ziel zu erreichen, reichen allerdings die Solaranlagen in den abgelegenen Dörfern nicht. Wasserkraft ist die größte „saubere“ Energiequelle in China. Sie soll verdreifacht werden. Dabei zählen nicht nur die kleinen Wasserkraftwerke, auch Mammutprojekte wie der umstrittene Drei-Schluchten-Damm am Jangtse fallen nach chinesischer Sichtweise unter die erneuerbaren Energien.

Zwölf Staudämme am Goldsand-Fluss

Auch für die Wasserkraft ist die Provinz Yunnan ein wichtiger Standort. Ende des vergangenen Jahres begannen die Bauarbeiten für Staudämme am Jinsha-(Goldsand-)Fluss, wo zwei Stauwerke bald genauso viel Kapazität haben sollen wie der Drei-Schluchten-Staudamm am Jangtse. Insgesamt sollen am Goldsand-Fluss zwölf Staudämme mit Wasserkraftwerken errichtet werden.

Ob sich Solarprojekte wie die von Yunnan weiter ausweiten lassen, wie andere erneuerbare Energien weiter verbreitet werden und welche Möglichkeiten es für ein rohstoffsparendes Wachstum gibt, darüber will Bundespräsident Köhler an diesem Donnerstag und Freitag bei seinem Treffen mit der chinesischen Führung in Peking sprechen.



Text: F.A.Z., 24.05.2007, Nr. 119 / Seite 7
Bildmaterial: dpa

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