Von Thomas Scheen, Naivasha
01. Februar 2008 Wenn sich 12.000 Menschen freiwillig in ein Gefängnis begeben und unter keinen Umständen mehr hinauswollen, muss draußen die Hölle sein. Naivasha, die malerische kleine Stadt am gleichnamigen See im kenianischen Rift Valley, ist eine solche Hölle. Ich werde sofort getötet, wenn ich da rausgehe, sagt Witcliff Ouma und deutet zum Tor des Maximum Security Prison von Naivasha, einer der größten Haftanstalten in Ostafrika. Er gehört zur Ethnie der Luo - und für ihn wie für Tausende andere, für die Luhya, Kalenjin, Massai und Kisii, ist das riesige Gefängnis der Unterschied zwischen Leben und Tod.
200 Menschen wurden nach offiziellen Angaben getötet, als die Ethnie der Kikuyu, zu der Präsident Mwai Kibaki gehört, vor Wochenfrist beschloss, die Luo, zu denen Oppositionsführer Raila Odinga zählt, aus Naivasha und der Nachbarstadt Nakuru zu vertreiben (Siehe auch: Oppositionspolitiker Too in Kenia getötet). Mit Macheten, Giftpfeilen und nagelgespickten Keulen waren die Kikuyu auf die Luo losgegangen, die in Naivasha eine Minderheit sind. Der angebliche Grund: Die Luo und die Kalenjin seien für die Vertreibung der Kikuyu aus Westkenia verantwortlich. Zum Schluss hatte die Armee aus Hubschraubern heraus auf die gegnerischen Gruppen geschossen, um sie davon abzuhalten, sich gegenseitig in Stücke zu hacken.
Schutzgelder und barbarischen Morde
Witcliff Ouma kramt in der Tasche seiner vom roten Staub völlig verdreckten Jacke, bis er endlich den Brief gefunden hat, den er als Vorsteher einer Luo-Gemeinschaft erhalten hat. Das war die erste und einzige Warnung, sagt er, während er das Papier umständlich auseinanderfaltet. Alle Luo, Luhya, Massai, Kisii und Kalenjin müssen die Stadt verlassen steht da geschrieben. Gezeichnet: Mungiki. Der Brief habe ihn am Freitag vergangener Woche erreicht, sagt Witcliff. Am Tag darauf begann das große Schlachten.
Mit dem Auftreten der ebenso geheimnisumwitterten wie brutalen Mungiki-Sekte haben die ethnischen Auseinandersetzungen in Kenia eine völlig neue Dimension erhalten. Die Mungiki-Sekte versteht sich als Geheimbund, der die Auffassung vertritt, es sei das gottgegebene Recht der Kikuyu, Kenia zu regieren. Die Sekte erpresst vor allem in der Hauptstadt Nairobi Schutzgelder von Taxifahrern. Vor den Wahlen im Dezember vergangenen Jahres war die Regierung gegen Mitglieder der Sekte vorgegangen, nachdem sich die barbarischen Morde, die zum Ritual der Mungiki gehören, gehäuft hatten. Jetzt aber, da die Kikuyu-Regierung von Präsident Kibaki mit dem Rücken zur Wand steht, hat sie offenbar die alten Beziehungen zwischen etlichen Regierungsmitgliedern und der Mungiki-Sekte reaktiviert.
Menschenrechtler müssen um ihr Leben fürchten
Von einer spontanen Racheaktion wegen der massenhaften Vertreibungen von Kikuyu aus den im Westen gelegenen Städten Eldoret und Kisumu, wo die Kalenjin und Luo den Ton angeben, kann vor diesem Hintergrund jedenfalls nicht mehr gesprochen werden. Hier wie dort waren die Vertreibungen organisiert und ganz offensichtlich von langer Hand geplant.
Die abgerissenen Gestalten im Gefängnis nennen Namen von Tätern, den von Jane Kihara beispielsweise. Sie ist eine ehemalige Parlamentsabgeordnete aus Naivasha, die ihren Sitz an den Kandidaten der Opposition verloren hat, und koordiniert jetzt angblich die Angriffe der Mungiki-Sekte. Die Menschen sagen, dass die Rollkommandos der Sekte nachts an strategisch wichtigen Positionen abgesetzt werden, und zwar mit Fahrzeugen der regierungsnahen Tageszeitung The Nation. Tatsache ist, dass Mitglieder der Sekte am hellen Tag vor dem Gefängnistor aufmarschieren und ihre Macheten auf dem Asphalt schärfen, während die Wachmannschaft bemüht ist, in die andere Richtung zu schauen.
Ähnliche Geschehnisse sind allerdings auch in Eldoret, der Hochburg der Opposition, zu beobachten, wo es mittlerweile keine Kikuyu mehr gibt. Menschenrechtler, die die Bildung von Jugendbanden durch oppositionelle Parlamentsabgeordnete anprangern, müssen mittlerweile um ihr Leben fürchten.
Die Regierung spielt die Dramatik der Lage herunter
Kenia driftet nach den umstrittenen Wahlen vom 27. Dezember jeden Tag ein Stück weiter in Richtung Bürgerkrieg. Während im Innern des Landes eine riesige Völkerwanderung im Gange ist, spielt die Regierung die Dramatik der Lage herunter. Mehr noch: Sie lässt Flüchtlingslager schließen und liefert die Menschen damit der Willkür der Stärkeren aus. Die Verhandlungen zwischen Regierung und der Oppositionspartei Orange Democratic Movement (ODM) unter Vermittlung des ehemaligen UN-Generalsekretärs Kofi Annan brachten nach zehn Tagen erste Ergebnisse. (Siehe auch: Erste Hoffnung für Kenia: Konfliktparteien wollen Gewalt beenden) auf der Stelle. Vielleicht hat auch der Besuch von UN-Generalsekretär Ban Ki-moon am Freitag zur Annäherung beigetragen.
Zuvor hatte es bereits geheißen, der Südafrikaner Cyril Ramaphosa solle Annan als Vermittler ablösen. Ramaphosa war der mutmaßlich wichtigste Verhandlungsführer der südafrikanischen Befreiungsbewegung African National Congress (ANC) bei der Abwicklung des Apartheidregimes. Doch was nutzt das anerkannte Geschick Ramaphosas, wenn die Konfliktparteien keinen Frieden, sondern mit Hilfe bewaffneter Schlägerbanden ethnisch reine Einflussgebiete schaffen wollen?
Schwarze Rauchwolken - Alles muss brennen!
Kabate ist eines der schäbigsten Viertel von Naivasha. In den Gassen türmt sich kniehoch der Abfall, es stinkt bestialisch nach Fäkalien. Wer hier wohnen muss, hat nicht viel Glück im Leben gehabt. In einer der dreckstarrenden Gassen ist etwa ein Dutzend junger Männer dabei, das Mobiliar eines Hauses auf die Straße zu schleppen: Betten, Kommoden, Regale, Tische. Als der Haufen zwei Meter hoch ist, schütten sie Benzin darüber und zünden ihn an. Die Brandstifter sind Mitglieder der Mungiki-Sekte, das Haus gehörte einer Luo-Familie. Seit einer Woche wird systematisch die letzte Habe der aus Kabate geflohenen Luo abgefackelt.
Überall in der Stadt sind die schwarzen Rauchwolken zu sehen. Alles muss brennen!, schreit einer der Brandstifter. Sie haben es eilig, das nächste Haus wartet schon. Auf die Frage, warum sie das Mobiliar nicht mitnehmen, um es zu verkaufen, sagt der Schreihals: In diesem Bett hat Satan geschlafen. Würdest du eine Nacht darin verbringen wollen? Die Nachbarn stehen vor ihren Häusern und beobachten das Spektakel. Doch aus Angst vor der Mungiki-Sekte will sich niemand äußern. Eine junge Frau flüstert im Weggehen: Wir stecken so tief im Dreck, wir wissen noch gar nicht, wie tief.
Auf der anderen Seite von Naivasha, der schönen am Seeufer, stampft Peter Szapary wütend mit dem Fuß in den Staub. Nicht morgen! Heute, sage ich!, bellt der Blumenzüchter in sein Handy. Was der Mann so dringend haben will, sind Zelte und eine Trinkwasseranlage. Szapary baut ein Flüchtlingslager auf. Allerdings treibt ihn weniger Nächstenliebe als die Sorge um seinen Betrieb dazu: 8000 Flüchtlinge sollen in dem Lager untergebracht werden, und zwar so, dass sie zur Arbeit kommen können.
Frommer Wunsch: Irgendwann werden die Wunden wieder heilen
Naivasha ist das Zentrum der kenianischen Blumenproduktion. Ein Viertel der in Europa gehandelten Schnittblumen stammen von hier. 30.000 Menschen arbeiten in der Stadt in dieser Industrie, die vergangenes Jahr Schnittblumen im Wert von 485 Millionen Euro exportierte. Jetzt drohen ihr riesige Verluste, weil die Luo aus Angst vor ihren Kikuyu-Kollegen nicht mehr zur Arbeit erscheinen. Die Hälfte von Szaparys Belegschaft hat sich in das Hochsicherheitsgefängnis der Stadt geflüchtet. Wir müssen etwas unternehmen, sonst droht uns das Aus, sagt er. Denn es herrscht Hochsaison: Der Valentinstag steht vor der Tür, Muttertag ist auch nicht mehr weit. 40 Prozent ihres Jahresumsatzes erwirtschaftet die Industrie zwischen Mitte Januar und Mai.
Wir wollen den Luo-Familien ein bisschen Sicherheit geben, erklärt Szapary sein Ringen um Notunterkünfte und Infrastruktur. Ob er tatsächlich glaube, dass sich eine Familie hinter einer Zeltwand sicherer fühle als hinter meterdicken Mauern? Der Blumenzüchter kratzt sich den Kopf. Es wird seine Zeit dauern, aber irgendwann werden die Wunden schon wieder heilen, sagt er. Es klingt wie ein frommer Wunsch.
Wir wollen nur noch weg hier, sagt Festus Anjili, der sich vor dem rasenden Mob nur knapp in das Gefängnis von Naivasha hatte retten können. Nach Eldoret, nach Kisumu, irgendwo in den Westen, wo wir in Sicherheit sind. Doch das ist schwierig. Es ist schier unmöglich, einen Bus zu organisieren, der die Luo bis Nakuru bringen könnte. Niemand will dieses Risiko eingehen. Wenn der erste Bus dieses Gefängnis verlässt, glaubt Witcliff Ouma, wissen die Mungiki fünf Minuten später Bescheid und lauern uns garantiert auf. Von den Sicherheitskräften erwarten die Luo keine Hilfe. Die Mungiki schlachten uns auf offener Straße ab, und die Polizei feuert lediglich in die Luft. Was für ein Schutz soll das sein?, fragt Festus Anjili. Die machen doch gemeinsame Sache mit Mungiki.
Text: F.A.Z., 02.02.2008, Nr. 28 / Seite 6
Bildmaterial: AFP, AP, F.A.Z., REUTERS
