Kommentar

Systemveränderer in Warschau

Siebzehn Jahre nach dem Ende der kommunistischen Alleinherrschaft bleibt Polen hinter seinen Möglichkeiten zurück. Der Radikalkur der Gebrüder Kaczynski könnten aber auch Institutionen zum Opfer fallen, die bisher funktionierten. Ein Kommentar von Stefan Dietrich.

Lesermeinungen zum Beitrag

27. Juli 2006 18:38

Kaczynskis aus anderem Blickwinkel gesehen II

Jan Hlavac (Olav1)

Ich studierte in 80er Jahren in Deutschland und erwarb auf dem Gebiete der Sozialwissenschaften die deutsche Doktorwürde. Da ich nie ein Mitglied der Kommunistischen Partei gewesen bin und zu der obengenannten Gruppe nicht gehöre, weiß ich sehr gut, dass ich hier auf dem Gebiete des Universitätswesens nicht zu suchen habe und arbeite meistens nur als Privatlehrer, Zeitungsschreiber, Übersetzer, Dolmetscher …

Aber nicht nur deswegen bemitleide ich die Opfer der geplanten polnischen Säuberungen aus den Reihen der ehemaligen Kommunisten und ihrer Günstlinge nicht und drücke ich Kaczynskis in ihren Bestrebungen Daumen. Ich gehe davon aus, dass die postkommunistischen Eliten nicht aufgrund des Leistungsprinzips sondern durch eine gezielte Klassen- und Kaderpolitik entstanden. Schon deswegen ist ihre Legitimität umstritten.

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27. Juli 2006 18:34

Kaczynskis aus anderem Blickwinkel gesehen I

Jan Hlavac (Olav1)

Zu dem anregenden Kommentar Herrn Dietrich möchte ich noch hinzufügen: Die geplanten Schritte Kaczynskis sind durch die Relikte aus der Kommunismuszeit zu begründen. Im Falle der einstigen Herrschaft der Kommunisten, die früher in der Tat einen Geheimbund zur Verfolgung ihrer selbstsüchtigen Gruppeninteressen darstellten, handelte sich um eine Alleinherrschaft in allen Bereichen des gesellschaftlichen Daseins und vor allem in der Wirtschaft und die Einführung der Demokratie ohne einen Prozeß der Entkommunisierung, der dem Entnazifizierungsprozeß in Deutschland entsprochen hätte, bedeutete, dass die ehemaligen Kommunisten und ihre Gefolgsleute ihre Positionen in allen Bereichen des gesellschaftlichen Daseins beibehielten, wenn sie auch manchmal opportunistisch eine scheinliberale Miene aufsetzten.

Ich lebe in Tschechien, wo der Kommunismus in der Vergangenheit eher noch konsequenter und strenger als in Polen war. Ich muss betonen, dass die Lage hier jetzt in mancher Hinsicht ähnlich ist. Nach der Wende versprach Havel, dass es im Lande nicht mehr die zurzeit der Kommunisten berüchtigten Säuberungen geben würde. So behielten die im kommunistischen Sinne Sauberen meistens ihre wichtigen Positionen bei.

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26. Juli 2006 14:39

Polen- EU- Freiheitsrechte- Empfaengerland ???

Frank Martischewski (Ovozim)

Die „Vierte Republik“ wäre, wenn es je eine verfassungsändernde Mehrheit dafür gäbe, gewiß noch demokratisch, aber zentralistischer, moralbetonter, außenpolitisch mehr auf Souveränität pochend, innenpolitisch weniger liberal als die gegenwärtige.


Hoffen wir, dass diese Mehrheit niemals zu stande kommt. Den Lesermeinungen dieses Forums zufolge, steht das Volk ja nicht wirklich hinter dieser Zwillingsparodie. Und wenn man sich die Ansichten zu Homosexualitaet, Todesstrafe, europaeischer Zusammenarbeit und Meinungsfreiheit anschaut, dann kann man bei Umsetzung der "vierten Republik" vom zweiten Weissrussland sprechen, das ich mir beileibe nicht in der EU als Empfaengerland wuensche.
Das polnische Volk sollte nach 17 Jahren doch auch langsam gelernt haben, Demokratie zu nutzen.

hm, aber gut, als Deutscher kann ich da leider auch nicht so viel anfuehren, angesichts unserer begnadeten Einflussmoeglichkeiten.

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