Pakistan

Islamisten auf dem Vormarsch

26. Juni 2008 In Pakistan wächst die Angst, dass militante Islamisten ihren Vormarsch beschleunigen und möglicherweise die Hauptstadt der Nordwestgrenzprovinz (NWFP) einnehmen könnten.

Die Zeitung „Dawn“ zitierte am Mittwoch einen hohen Beamten mit den Worten: „Peshawar befindet sich im Zustand der Belagerung, und wenn Peshawar fällt, würden die anderen NWFP-Distrikte wie Kegel hinterherfallen.“

Am Vortag hatte sich die Regierung Gilani bereits gezwungen gesehen, vor dem Parlament eine militärische Operation in der Umgebung von Peshawar anzukündigen, nachdem Abgeordnete die Lage in der Region als „außer Kontrolle“ beschrieben hatten.

„Eine Frage von Monaten, bis Peshawar fällt“

Seit Wochen weisen Einwohner von Peshawar und sogar dort stationierte Sicherheitskräfte warnend darauf hin, dass Islamisten aus den angrenzenden Stammesgebieten einen Ring um die drei Millionen Einwohner zählende Stadt ziehen. Zugleich hat sich die Sicherheitslage innerhalb der Stadt verschlechtert. Berichtet wird von dreisten Entführungen durch Islamisten sowie Anschlägen auf Sicherheitskräfte. Korrespondenten aus Peshawar berichten, dass die Polizisten Patrouillen bei Nacht aufgegeben hätten.

Der Polizeichef von Peshawar, Malik Naveed Khan, sagte unlängst, die Taliban stünden jetzt „an der Peripherie“. Wenn nichts unternommen werde, sei es „noch eine Frage von Monaten, bis Peshawar fällt“.

Mehrmals schon haben der neue Ministerpräsident in NWFP, Hoti, Gouverneur Owais und der Regionalkommandeur der Streitkräfte, Aslam, Krisensitzungen über die Frage abgehalten, wie die Stadt verteidigt werden könnte. In der vergangenen Woche stieß auch der innenpolitische Berater der Premierministers, Malik, dazu. Beobachter, die nicht nur die Lage in Pakistan im Auge haben, befürchten, dass ein weiteres Vordringen der Islamisten auch die Situation in Afghanistan weiter destabilisieren könnte.

Nachschub für Nato-Truppen in Afghanistan gefährdet

Gewarnt wird unter anderem vor einer Gefährdung eines zentralen Nachschubweges für die Nato-Truppen. Denn auch in der an Peshawar angrenzenden „Khyber-Agency“, durch die der wichtigste Pass nach Afghanistan verläuft, haben die Islamisten ihre Präsenz erhöht.

Andere Effekte sind schon sichtbar. Die Angriffe der Taliban in Afghanistan hätten in den vergangenen fünf Monaten um 40 Prozent zugenommen, sagte der amerikanische General Schloesser am Dienstag. Den Grund dafür vermutet die Nato bei den neuen Freiräumen in den Stammesgebieten.

Regierungsberater Malik sagte, die Lage sei nicht so schlimm, wie manche sie zeichneten. Die Regierung schlafe nicht. Aber das Vertrauen in Ministerpräsident Gilani hat gelitten, seit sein konzilianter Kurs gegenüber den Islamisten offenkundig in einen Misserfolg gemündet ist. Die „Friedensgespräche“ mit dem mächtigsten Führer der pakistanischen Taliban, Baitullah Mehsud, müssen spätestens als gescheitert angesehen werden, seit Regierungstruppen am Dienstag in den Stammesgebieten mit Panzern gegen seine Leute vorgingen. Zuvor hatte Mehsud die zur Region Tank gehörenden Distrikte Jandola, Soor Kali und Kari Wam eingenommen und Dutzende Angehörige des dort ansässigen Bhittani-Stammes getötet oder entführt. Der Bhittani-Stamm hatte zwischen Mehsud und der Regierung vermittelt. Offenbar wollte Mehsud gezielt gegen das „Friedenskomitee“ des Stammes vorgehen, denn am Mittwoch wurden 22 - andere Quellen sprechen von 28 - Mitglieder tot aufgefunden.

Die Menschen in Nord- und Südwasiristan sind schon seit geraumer Geiseln des Kommandeurs Baitullah Mehsud. Sein Kampfgefährte Fakir Mohammed hat inzwischen auch weite Teile der „Bajaur-Agency“, im Norden der Stammesgebiete, unter seine Kontrolle gebracht. Die Region lasse sich mittlerweile mit den Talibanhochburgen in Afghanistan vergleichen, sagt ein pakistanischer Journalist.



Text: job.; F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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