Von Michaela Wiegel, Paris
14. Februar 2008 Das Gedenken an den Holocaust soll künftig in den französischen Grundschulklassen zum Pflichtprogramm gehören. Das hat der französische Staatspräsident Sarkozy am Mittwochabend in Paris beim traditionellen Jahrestreffen der jüdischen Dachorganisation Crif (Conseil représentatif des institutions juives de France) angekündigt.
Schon mit Schuljahrsbeginn im September 2008 sollen alle Lehrer verpflichtet werden, ihren zehn Jahre alten Schülern in der fünften Klasse das Schicksal eines während des Holocaust ermordeten jüdischen Kindes aus Frankreich nahezubringen. Nichts ist bewegender für ein Kind als die Geschichte eines Kindes in seinem Alter, das die gleichen Spiele, die gleichen Freuden und die gleichen Hoffnungen hatte wie es selbst, sagte Sarkozy, selbst Vater eines elf Jahre alten Jungen. Jeder junge Franzose müsse den Namen und die Existenz eines der 11.000 deportierten jüdischen Kinder kennen, erläuterte Sarkozy. Nichts ist intimer als der Name und der Vorname eines Kindes. Der Präsident sagte, er habe Erziehungsminister Darcos beauftragt, seinen Vorschlag ohne Verzögerung mit Schuljahresbeginn 2008/09 zu verwirklichen.
Erzwungene Erinnerung an Guy Moquet umstritten
Sarkozy hatte schon zu Beginn seiner Amtszeit versucht, ohne vorangegangene Absprache mit den mit der Ausarbeitung der Lehrpläne befassten Gremien in den Oberschulklassen eine dem französischen Widerstandskämpfer Guy Moquet gewidmete Unterrichtsstunde durchzusetzen. So verlangte er von allen Lehrern, den Abschiedsbrief des kommunistischen Résistance-Kämpfers Guy Moquet an dessen Todestag am 22. November lesen zu lassen. Die Anweisung des Präsidenten stieß jedoch auf vehementen Protest von Lehrern, die sich die Geschichtsvermittlung nicht vom Elysée-Palast diktieren lassen wollten.
Zudem kritisierten Historiker und Lehrer die selektive Wahrnehmung, die aus der Aufwertung eines Einzelschicksals entstehe. Denn wie auch beim jetzigen Vorstoß kümmerte sich Sarkozy nicht um die Einbettung seines Vorschlags in bestehende Unterrichtseinheiten über das Dritte Reich, die Judendeportationen und die Kollaboration des Vichy-Regimes. Die vom Präsidenten erzwungene Erinnerung an Guy Moquet war schließlich so umstritten, dass Sarkozy am 22. November seine ursprünglich geplante Teilnahme an einer Gedenkstunde in einem Pariser Gymnasium kurzfristig absagte. Viele Lehrer folgten der Anweisung des Präsidenten nicht, das Ausfallen der Abschiedsbrief-Lesung wurde toleriert. Disziplinarmaßnahmen, wie sie sich Präsidentenberater Henri Guaino gewünscht hatte, wurden nicht ergriffen.
Sarkozy bezeichnet sich als Freund Israels
Der ehemalige rechtsbürgerliche Premierminister Dominique de Villepin bezeichnete die vom Präsidenten gewünschte Patenschaft für ein totes jüdisches Kind als befremdlich. Ich glaube nicht, dass man das Erinnern verordnen oder mit Gesetzen erzwingen kann, sagte Villepin im französischen Radio am Donnerstag. Für Zehnjährige sei es zudem eine sehr schwere Bürde, die Verantwortung für das Gedenken an ein getötetes Kind zu tragen.
Sarkozys Vorstoß war auch dem Bemühen geschuldet, kurz vor den Kommunalwahlen bei den jüdischen Interessenverbänden Sympathien zu wecken. Schon die Teilnahme des Präsidenten an dem Jahrestreffen, zu dem normalerweise der Premierminister als Ehrengast gebeten wird, zeugt von der Wichtigkeit, die Sarkozy den jüdischen Organisationen beimisst. Der Präsident bezeichnete sich in seiner Festrede als Freund Israels und kündigte seinen ersten Staatsbesuch in Israel im Mai an.
Zum Nahost-Konflikt sagte Sarkozy, Frankreich werde niemals die Sicherheit Israels zum Gegenstand von Verhandlungen machen. Ich werde nicht die Hände von Leuten schütteln, die sich weigern, Israel anzuerkennen, sagte Sarkozy. Der Präsident nahm die Einladung der jüdischen Organisationen zum Anlass, abermals die Bedeutung der Religion für den gesellschaftlichen Zusammenhalt herauszustellen. Als Drama des 20. Jahrhunderts bezeichnete er die Abwesenheit einer göttlichen Idee.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP