17. Dezember 2009

„Guten Tag, ich heiße Klaus“

Von Anne Jacoby



14. Januar 2002 
Wie ihr Gegenüber heißt, wissen Sie nicht. Sie bekommen das Gespräch nicht in Gang, und wenn es endlich läuft, finden Sie kein Ende? Das muß nicht sein. Profitips für den gelungenen Ein- und Ausstieg beim Small talk.

Sie sagen „Hallo“ und lächeln verlegen, wenn Sie neu zu einer Runde stoßen? Kein schlechter Anfang, aber noch ziemlich unprofessionell. „Guten Tag, ich heiße Klaus, und ich nehme an dieser Fortbildung teil, um mein Know-how als Personaltrainer auszubauen“ - so klingt eine Begrüßung nach den Regeln moderner Kommunikations-Ratgeber. „GNA - grüßen, Namen sagen, anknüpfen“ nennt Psychologe und Karriere-Trainer Jürgen Hesse diesen Eröffnungs-Dreiklang.

Was sich zunächst komisch, vielleicht sogar aufdringlich anhört, ergibt durchaus Sinn: Der Gruß ist eine Frage der Höflichkeit. „Nichtgrüßen kommt dem willkürlichen Negieren der Existenz des anderen gleich. Er wird quasi für tot erklärt. ‚Ich grüße ihn nicht mehr’ bedeutet auch: ‚Er ist Luft für mich’, ‚Ich rede nicht mehr mit ihm.’“ In unserer Gesellschaft könne kaum eine Kränkung größer sein.

Mit einem gemurmelten „Guten Tag“ bei gesenktem Blick ist es allerdings nicht getan. Zu einem sympathischen Auftakt wird der Gruß erst mit einem Blickkontakt. Kommunikationspsychologe Dr. Frank Naumann: „Menschen mit Ausstrahlung sehen dem anderen erst einmal in die Augen und halten diesen Blick knapp drei Sekunden.“ Dabei stimmen sie ihre Mimik auf den Gesprächspartner ein, indem sie lächeln, die Augenbrauen kurz anheben und/oder freundlich nicken. Denn auf den ersten Eindruck kommt es an. Psychologische Experimente bestätigen, daß die spontane Einschätzung der Persönlichkeit des Gegenübers mit den Ergebnissen ausführlicher Psycho-Tests nahezu übereinstimmt. Wer seinen Namen nennt, verleiht dem Small talk eine persönliche Note. Umgekehrt sollte man sich merken, wie sein Gegenüber heißt und ihn immer wieder mit seinem Namen ansprechen. Aber wie behält man all die Müllers und Meiers im Gedächtnis? Naumann rät: „Lassen Sie den gerade gehörten Namen noch einmal in seinem Schriftbild vor Ihrem geistigen Auge vorüberziehen, und denken Sie sich dann ein Bild aus, das den Namen darstellt.“ Bei Namen wie Jäger oder Fröhlich ist das einfach. Kompliziertere Namen merkt man sich besser, wenn man sie sich buchstabieren läßt und sich über die Herkunft der Familie erkundigt.

Der ausgeworfene Gesprächsanker - im oben genannten Fall war das ein Hinweis auf den Beruf des Personaltrainers - dient nach der Begrüßungsrunde als Anknüpfungspunkt: „Sie sagten eben, sie sind Personaltrainer? Für wen genau arbeiten Sie?“ Und schon läuft der Small talk.

Sprachforscher Dr. Thomas Spranz-Fogasy hat bei Führungskräften beobachtet, daß sie sich kaum bei Small talk aufhalten, sondern möglichst sofort zum persönlichen Gespräch übergehen, um die Persönlichkeit und Kompetenz des Gegenübers schnell einschätzen zu können. Spranz-Fogasy: „Führungskräfte fragen wirklich konkret: Woher kommen Sie? Oder: Was machen Sie beruflich? Sie steuern immer direkt auf die andere Person zu.“

Kommunikationstrainer Dr. Albert Thiele, Fachmann für Verhandlungsgespräche, sieht den Anteil des Small talks in Abhängigkeit zur erwarteten Gesprächsdauer: „Zehn bis 15 Prozent der Gesamtzeit sollten dem Small talk gewidmet werden“, so seine Erfahrung. Beim übergang zum Sachthema sei besonderes Fingerspitzengefühl gefordert. Ist der Verhandlungspartner ein Kunde oder ein Vorgesetzter, empfiehlt Thiele, ihm diesen Schritt zu überlassen.

Und Naumann, der sich vor allem mit Small talk auf offiziellen Veranstaltungen und privaten Partys beschäftigt hat, ist überzeugt: „Im Mittel reichen viereinhalb Minuten, um einen Menschen so weit kennen zu lernen, daß man entscheiden kann, ob sich eine Fortsetzung der Bekanntschaft lohnt oder nicht.“ Nach fünf bis spätestens zehn Minuten sollte man die Unterhaltung zunächst abbrechen, um weitere Kontakte zu knüpfen. Und wie? Mit einem höflichen „Ich habe mich gefreut, Sie kennenzulernen. Können wir unsere Unterhaltung später fortsetzen?“ Oder: „Noch einen schönen Abend, auf Wiedersehen.“ Wem das zu abrupt erscheint, könne seinen Gesprächspartner auch einfach weiterreichen, indem er ihn jemandem vorstellt. Wichtig ist auf jeden Fall, so sympathisch und bestimmt aus einer leichten Konversation herauszukommen, wie man eingestiegen ist. Denn eine überdosis Small talk macht aus der netten Plauderei ein zähes Geschwätz.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 58, 2002