20. Dezember 2009

So werden Sie ein Plauder-Profi

Von Anne Jacoby



14. Januar 2002 
Small talk ist eine der verkanntesten Karriere-Strategien. Denn wer die Kunst der leichten Konversation beherrscht, kann seinen beruflichen Erfolg (be)fördern: zwischen Tür und Angel, im Fahrstuhl und natürlich im Bewerbungsgespräch.

Der Puls pocht, das Sofa in der Eingangshalle ist hart. Endlich taucht die Personalreferentin auf und bittet zum Vorstellungsgespräch: „Haben Sie den Weg zu uns gut gefunden?“ Auf alle denkbaren Fragen hat sich der verdutzte Bewerber vorbereitet, aber auf eine so banale natürlich nicht. „Ja, kein Problem. Ich wohne hier in der Nähe“, fällt ihm ein. Und schon ist er mitten in einem Small talk über seine Stadt.

„Ein Interview beginnt immer mit Small talk, um die Anspannung beim Kandidaten zu lösen“, erklärt Consultant Eckhard Neumüller von Boyden Deutschland - einer Personalberatung, die sich auf Suche nach Top-Führungskräften spezialisiert hat. Besonders gute Kandidaten beginnen Neumüller zufolge sogar von sich aus mit der Plauderei: „Sie nehmen von Anfang an das Heft in die Hand, weil sie wissen, wie wichtig es ist, solch ein Gespräch locker beginnen lassen zu können.“

Dabei geht es nicht wirklich um den Austausch von Informationen, sondern um eine Art Wellenlängen- Test: Ist mir mein Gegenüber sympathisch? Bin ich ihm sympathisch? Wichtig ist es deshalb, gemeinsame Themen zu finden. über Städte, Länder und ihre Bewohner plaudert es sich besonders leicht, und darum werden Thesen wie „der Kölner an sich ist lebensfroher als der Frankfurter“ täglich in deutschen Bahnen und Kantinen bekräftigt. Gut eignet sich auch die unmittelbare Umgebung - je nach Szenerie: das Gemälde an der Wand, der Messestand, das Buffet. Noch besser ist ein gemeinsames Steckenpferd: Sport, Musik, der Urlaub im Süden. „Die große Kunst ist es, an die Themen heranzukommen, die dem anderen Spaß machen, die ihn stolz machen, die sein Selbstwertgefühl bestimmen“, ist Management- und Kommunikations-Trainer Dr. Albert Thiele überzeugt. Die sachliche Diskussion eines Themas selbst spielt beim Small talk nicht die Hauptrolle. Es geht um die Beziehungsebene. Und die ist im Zeitalter der Dienstleistungen wichtiger denn je: Wer gute Beziehungen aufbauen und pflegen kann, bekommt interessante Jobs, kann sich entwickeln, kann aufsteigen.

„Die emotionale Basis, die gefühlsmäßige Ebene ist sehr viel wichtiger für die Vertrauensbildung, für das Klima und für die öffnung des Partners als nur die kühle Ratio“, erklärt Thiele. Ein gelungener Small talk erleichtere deshalb den Einstieg in ein Sachthema - je unbekannter der Gesprächspartner sei, desto größer dieser Effekt. Thiele: „Dabei ist man gut beraten, nicht nur schematisch Small talk zu machen, sondern Sensoren zu entwickeln auch für schwache Signale, die vom anderen kommen.“ Hier könne man hervorragend anknüpfen.

Also Ohren auf! Ein exzellenter Small talker ist eben kein Dauerredner, sondern ein sehr guter Zuhörer. Laut Jürgen Hesse, Psychologe und Karriere- Berater, zeichnen ihn hohes Einfühlungsvermögen, Kommunikations- und Teamfähigkeit und Konfliktlösungskompetenz aus - kurz: soziale Kompetenz.

Neben diesen inter-psychischen gibt es Hesse zufolge intra-psychische Weichensteller: die Persönlichkeit des einzelnen, seine emotionale Intelligenz. Ganz oben auf der Liste dieser Persönlichkeitsfaktoren stehen laut Hesse ein gesundes Selbstbewußtsein, Initiative und Engagement, Frustrationstoleranz und Ausdauer. Wer weiß, was er kann und was er will, wer aktiv auf andere zugeht und sich auch von mißlungenen Kontaktversuchen nicht abschrecken läßt, hat das Zeug zum Plauder-Profi. Aber was tun, wenn man nicht mit dieser gehörigen Portion Selbstbewußtsein ausgestattet ist? Kommunikationspsychologe Dr. Frank Naumann empfiehlt, das einfach zum Small-talk-Thema zu machen:„Ich möchte mich gern mit Ihnen unterhalten. Leider bin ich ziemlich schüchtern und weiß anfangs nie so richtig,was ich sagen soll.“

Wie selbstbewußt jemand ist, hängt nicht nur von seiner psychischen Disposition ab, sondern auch von seiner sozialen Herkunft: Der französische Soziologe Pierre Bourdieu beschreibt in seiner Studie „Die feinen Unterschiede“ (1979), daß soziale Aufsteiger aus Angst, ihre Herkunft zu offenbaren, zu einer überkorrekten Sprache neigen. Es fehle ihnen „ein wenig Statur, Freimut, Großzügigkeit und Persönlichkeit“. Weil es nicht zuletzt darauf beim Einstieg und Aufstieg im Job ankommt, stammen auch heute noch 90 Prozent der Vorstandsvorsitzenden der 100 größten Unternehmen aus dem gehobenen Bürgertum - das hat Michael Hartmann, Professor für Soziologie an der TU Darmstadt, 1997 in einer Studie festgestellt.

Wer seiner Karriere mit Small talk den entscheidenden Kick geben möchte, sollte deshalb einfach so smalltalken, wie ihm „der Schnabel gewachsen“ ist, und sich ganz auf die Beziehungsebene konzentrieren: im Bewerbungsgespräch, wenn er den Geschäftsführer im Fahrstuhl oder den Marketingleiter der Kaffeeküche trifft. „Wenn jemand versucht, sich eine Maske aufzusetzen, ist das erkennbar“, ist Personalberater Neumüller sicher. Die Persönlichkeit, der Charakter, die menschlichen Stärken, Schwächen, die Kompetenz, das Format, der Stil - das läßt sich besser im Small talk erfassen als bei einem ganz konkreten Thema.“

Text: Hochschulanzeiger Nr. 58, 2002