14. Januar 2002
Wer im Small talk peinliche Themen anschneidet, manövriert sich schnell ins Abseits. Mit den richtigen Gesprächsthemen und -strategien lassen sich hingegen sehr gute Kontakte knüpfen - das A und O des Erfolgs im Beruf.
Helmut Kohl war in der Lage, innerhalb von wenigen Sekunden ganz intensive Beziehungen zu seinen Gesprächspartnern herzustellen. Und das war wohl eine der wesentlichen Komponenten seines persönlichen Erfolgs, vermutet Sprachforscher Dr. Thomas Spranz-Fogasy. Er begleitet Führungskräfte aus Politik, Wissenschaft und Verwaltung in ihrem Berufsalltag und hört ihnen zu. Kommunikatives Handeln gesellschaftlicher Führungskräfte heißt das Forschungsprojekt, das er am Institut für Deutsche Sprache der Wissenschaftsgemeinschaft Wilhelm Gottfried Leibniz (WGL) in Mannheim betreut. Als eines der vorläufigen Ergebnisse seiner Beobachtungen formuliert Spranz-Fogasy: Führungskräfte können sehr schnell direkt auf die jeweils andere Person zusteuern und ihnen das Gefühl geben, in diesem Augenblick der wichtigste Mensch auf der Welt zu sein. Die Gesprächszeit, die Führungskräfte für den Plauder-Einstieg aufwenden, schnurrt dabei auf ein Minimum zusammen: Das ist ruck, zuck überhaupt kein Small talk mehr, sondern ein ernsthaftes Gespräch, so der Kommunikations-Forscher. Führungskräfte holen viel aus Ihnen heraus: Was sind Sie für ein Mensch, was leisten Sie, was ist Ihr Gebiet, wo sind Ihre Schwächen und Stärken?
Wer, wie die beobachteten Führungskräfte, sein Gegenüber im Small talk wirklich kennenlernen möchte, sollte möglichst persönliche Themen wählen. Vielleicht bietet sich ja eine Zusammenarbeit an, oder es entwickelt sich sogar Freundschaft. Das erfährt man nicht, wenn man hohle Floskeln und Banalitäten austauscht.
Aber Vorsicht: Small talk ist immer eine Gratwanderung. Je persönlicher das Thema, desto eher stehen Fettnäpfe im Weg. So kann sich in einer Plauderei über Partnerschaft herausstellen, daß der Gesprächspartner gerade verlassen worden ist, ein Austausch über guten Wein gelingt nicht, wenn sich mein Gegenüber als trockener Alkoholiker outet, und ein Gespräch über Sport kann jäh abbrechen, wenn der andere ein Holzbein hat - um es drastisch auszudrücken. Kommunikationspsychologe Dr. Frank Naumann rät deshalb: Tolerieren Sie Ihre eigene Unvollkommenheit. Die gesellschaftliche Bühne ist kein Wettbewerb makellosen Auftretens, sondern eine Begegnungsstätte fehlbarer Personen mit individuellen Schwächen und Macken.
Folgende sechs Small-talk-Aufhänger hält Naumann für besonders erfolgreich: Gesprächsthemen rund um den Beruf, den Wohnort, um Partnerschaft und Familie (oder das Single-Leben), Hobbys, Haustiere und Reisen. Was genau paßt, hängt vom Kontext ab. Damit aus einem netten Gespräch aber keine Peinlichkeit wird, komme es bei allen Themen darauf an, keine privaten Details abzufragen: die genaue Höhe des Einkommens des Gegenübers zum Beispiel.
Weil es beim Small talk eben nicht um die Diskussion eines Fachthemas geht, sondern um den Aufbau einer Beziehungsebene, sind Belehrungen, Beratungen und Vorträge absolut fehl am Platz. Naumann: Niemand läßt sich gern ungefragt belehren, selbst wenn er nach der Information sucht. Das gemeinsame Rätseln um ein vergessenes Detail macht ja gerade einen großen Teil des Vergnügens an der Unterhaltung aus. Das wußte schon der griechische Schriftsteller und Philosoph Plutarch. In seiner Abhandlung Von der Geschwätzigkeit schreibt er: Wer sich selbst zum Reden anbietet und das Wort an sich reißt, mißfällt, selbst wenn er recht hat; begeht er aber gar einen Fehler, so wird er Schadenfreude und Hohn ernten.
Die Themen Politik und Religion sind zwar hochinteressant, bergen aber so viel Konfliktstoff, daß ein harmloser Small talk in einen bitteren Streit ausarten kann. Aber auch das ist kontextabhängig: Wenn die weltpolitische Lage so angespannt ist, daß sie alle Gemüter stark bewegt, darf das natürlich nicht unter den Teppich gekehrt werden.
Seelische Krisen und die Sinnfragen des Lebens gehören ebenfalls zu den eher ungeeigneten Small-talk-Themen. Gleichwohl neigen vor allem Deutsche zur Erörterung derartig schwermütiger Inhalte. Die französische Schriftstellerin Madame de Stael formulierte diese Beobachtung wie folgt: Die Deutschen begehen häufig die Ungeschicklichkeit, in die Konversation einfließen zu lassen, was nur in Bücher gehört; die Franzosen begehen dagegen die Ungeschicklichkeit, in ihre Bücher zu tun, was nur in die Konversation gehört. Ein Grund: In Abgrenzung von der lange dominierenden Kultur Frankreichs haben sich Ideale wie Weltfrömmigkeit, Nützlichkeit, Richtigkeit, Wahrhaftigkeit und Vollständigkeit als Etikette deutsch-bürgerlicher Gesprächskultur herausgebildet, so Sprachkritiker Roland Kaehlbrand.
Heute geht es bei Small talk aber um etwas ganz anderes: Hier punktet, wer sympathisch wirkt, sich auf sein Gegenüber einlassen und schnell eine stabile, zwischenmenschliche Beziehung aufbauen kann. Denn in Zeiten schneller Jobwechsel ist das persönliche Netzwerk ein entscheidender Karriere-Faktor.