Deutsches Nationalteam

Überrumpelungsfußball

Von Michael Horeni

Deutschland tanzt weiter mit bei dieser Europameisterschaft

Deutschland tanzt weiter mit bei dieser Europameisterschaft

19. Juni 2008 Das deutsche Team lebt - und Deutschland bebt. Mit Herz, Verstand, Leidenschaft und enormem Trainermut hat die Nationalmannschaft das Halbfinale erreicht. Beim beeindruckenden 3:2-Triumph gegen Portugal vollzogen Bundestrainer Joachim Löw und seine Mannschaft eine spektakuläre Wende bei dieser Europameisterschaft, die von so vielen Fans erhofft, aber in dieser Weise kaum noch zu erwarten war.

In Basel war dann aber tatsächlich eine von der Turnierdynamik entfachte Wiederbelebung aller zuletzt so tief verschütteten deutschen Stärken zu bestaunen, der am Ende nicht einmal die Extrakönner aus Portugal gewachsen waren - und die aus der deutschen Mannschaft wieder eine große Nummer bei der EM machte.

Notoperation am offenen Herzen

Die Entscheidung des Bundestrainers, im Viertelfinale einer EM in weiten Teilen auf ein neues taktisches System zu vertrauen, das die Nationalelf in seiner Amtszeit so noch nie gespielt hatte, hatte man entweder als Ausdruck enormen Mutes oder erheblicher Verunsicherung betrachten können - oder aus einer Mischung von beidem. In jedem Fall rückte der verbannte Joachim Löw mit großem Erfolg ganz entschieden von der spieltaktischen Linie ab, die er zwei Jahre lang eingeschlagen hatte.

Der Systemwechsel mit Klose als einziger Spitze und Podolski als hängendem Angreifer dahinter sowie Rolfes und Hitzlsperger als Double der gewohnten Mittelfeldabsicherung Ballack/Frings war natürlich auch zum Teil der Verletzung des Bremers geschuldet - aber nicht zuletzt auch der Vorstellung des Kapitäns, der in einer offensiveren Rolle im Mittelfeld und mit dem neuen taktischen Kurs vollkommen zu recht die größte Chance sah, der EM eine erfolgreiche Wende aus deutscher Sicht zu geben.

Mentale Stärke wieder gefunden

Die Notoperation am offenen Herzen seines Teams entpuppte sich ganz schnell als eine goldrichtige Entscheidung des von der Uefa auseinandergerissenen Trainerteams Löw und Flick. Es war ihr Meisterstück bei dieser Europameisterschaft, aus den enttäuschenden Auftritten diesmal genau die richtigen Konsequenzen gezogen zu haben. Rolfes und Hitzelsperger harmonierten gegen die portugiesischen Offensivkünstler von der ersten Minute an, als würden sie diese Rolle schon seit Jahren zusammen ausfüllen, und der Coup mit dem offensiven Matchwinner Ballack verschob die Gewichte im Mittelfeld auf Dauer immer weiter zu Gunsten des so holprig in die EM gestarteten WM-Dritten. Die Deutschen pressten das Spiel klug auf ein Band von 30, 40 Metern zusammen, was zwar sehr risikoreich, aber letztlich die perfekte defensiv-offensive Mischung gegen Ronaldo und Co. sein sollte.

Das war kein Rumpelfußball mehr wie zuletzt, sondern Überrumpelungsfußball mit der Krönung durch Schweinsteigers - herrlich herausgespielter - Führung und Kloses Kopfballtreffer zum 2:0 nach nur 26 Minuten. Und auch nach dem zwischenzeitlichen 1:2 hatte die Mannschaft zum richtigen Zeitpunkt ihre mentale Stärke wieder gefunden, um die Partie mit ihrem Kapitän an der Spitze in die richtige Richtung zu lenken. Wohin diese deutsche Achterbahn-EM nun am Ende führen soll, ist zumindest für die Sieger des Tages keine Frage mehr: ins Finale nach Wien.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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