Rechtsauslegung

(K)ein Abseits

Von Jürgen Kaube

Einer schießt, einer liegt, einer fliegt - zu viel für das Fußball-Regelbuch?

Einer schießt, einer liegt, einer fliegt - zu viel für das Fußball-Regelbuch?

10. Juni 2008 Kann eine Regel, die keiner kennt, in Kraft sein? Gewiss, Unwissen schützt vor Normdurchsetzung nicht. Doch das gilt nur fürs Individuum. Weiß hingegen niemand, weiß selbst Günter Netzer nicht, dass Ruud van Nistelrooy im Spiel der Niederlande gegen Italien beim 1:0 nicht im Abseits stand, weil hinter der Torauslinie noch ein Italiener lag, dann handelt es sich um eine Krise des Fußballrechtsstaats.

Denn letztlich heißt das ja nicht weniger als: Die Experten waren in jenem Zustand, der sonst nur bei Frauen entschuldigt wird. Diese Krise ist tiefer, als man denkt, ein Abgrund an ausfüllungsbedürftiger Regelungslücke hat sich aufgetan. Heißt es in den Fifa-Erläuterungen doch: „Begibt sich ein verteidigender Spieler hinter die eigene Torlinie, um einen Gegner abseits zu stellen, lässt der Schiedsrichter das Spiel weiterlaufen und verwarnt den verteidigenden Spieler bei der nächsten Spielunterbrechung, weil er das Spielfeld ohne Erlaubnis des Schiedsrichters absichtlich verlassen hat.“

Passiv aktiv

Nun hatte sich Panucci fraglos nicht nach draußen „begeben“ und schon gar nicht mit einem „um zu“-Bewußtsein; der dolus directus, die Absicht, fehlte. Dann aber war der Spieler eventuell auch außerhalb des Spiels noch im Spiel: „Das kurzfristige Verlassen des Spielfelds kann(!) als Teil der Spielbewegung begriffen werden.“ Er war gewissermaßen passiv aktiv, die Spielbewegung hatte sich in Bern – die zwei Körper des Spielfelds – rechtlich für Sekunden über die Auslinie hinaus erweitert. Aber wie weit? Scharfsinnige werden – „Ein Spieler befindet sich in einer Abseitsstellung, wenn er der gegnerischen Torlinie näher ist als der Ball und der vorletzte Abwehrspieler“ – per Analogie argumentieren, dass Panucci weiter hinter der Torlinie lag, als van Nistelrooy vor ihr stand. Also Abseits?

Aber die Eingriffswahrscheinlichkeit spielt eben fürs Abseits gar keine Rolle. Und die Abseitsregeln sehen den Fall physisch passiver, aber normativ aktiver Passivität gar nicht vor. Hätte Panucci genau so passiv auf der Linie gelegen, wäre er aktiv aktiv gewesen und Nistelrooy dann klar nicht im Abseits. Hätte er hingegen im Hinausfallen ordnungsgemäß gerufen: „Schiri Fröjdfeldt, melde mich hiermit ab“ – sofort wär’s Abseits gewesen. Immerhin eines ist klar: Die Möglichkeit zur nachträglichen Abmeldung sieht das Verfahren nicht vor. Also kein Abseits.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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