24. Juni 2008 So fragte schon zur Fußball-Weltmeisterschaft ein kleines deutsches Mädchen seinen Vater: Ich darf doch für Deutschland sein, auch wenn ich in Wien geboren bin? Die Frage, wohin man gehört und wie man das zeigt, bewegte vor zwei Jahren und auch jetzt, da wieder überall die bunten Fahnen wehen, aber nicht nur kindliche Zuschauer.
Selbst im Berufsfußballspieler Lukas Podolski rangen zwei Seelen offenbar so sehr miteinander, dass er sich über seine gleich zwei Tore gegen Polen nicht recht freuen mochte. Das ist zwar nicht in seiner alten Heimat, aber in seiner neuen durchgehend mit Verständnis kommentiert worden. Das Bekenntnis zur Herkunft zählt wieder etwas in dieser Republik. Sogar die Deutschen selbst dürfen mittlerweile ihr Auto mit dem schwarzrotgoldenen Stander schmücken, ohne dass auch nur einer der üblichen Bedenkenträger der Nation die (früher) üblichen Warnungen ausstößt.
Ungebrochenes Nationalbewusstsein
Ist es da nicht recht und billig, dass auch unsere Türken Flagge zeigen? Wirklich überraschen kann es niemanden, wie viele türkische Fahnen man in diesen Wochen in den Straßen und an den Häusern sieht. Die 1,7 Millionen Türken in Deutschland und oft auch noch die türkischstämmigen Deutschen zeichnen sich gewöhnlich durch ein ungebrochenes Nationalbewusstsein aus, das, wie beim Besuch des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan in Köln geschehen, von ihrem (einstigen) Vaterland aktiv gefördert wird.
Es ist wahr: Deutschland hat von seiner größten Einwanderergruppe viel zu lange keine Eingliederungsanstrengungen verlangt - weil die Multikulti-Ideologen lieber die Deutschen umerziehen wollten und die bürgerlichen Parteien die irrige Hoffnung hegten, die Gastarbeiter würden schon wieder wegziehen. Doch hätte auch nicht jeder Türke so gut Fußball spielen müssen wie Altintop, Podolski oder (meistens) Gomez, um sich aus eigenem Antrieb so in Deutschland einzufügen wie die Polen, Italiener und Spanier, die hier leben.
Fußballer können, wie gesehen, sogar noch schöne Tore schießen, wenn in ihrer Brust zwei Herzen schlagen. Ein Staat aber, der in seinem Inneren sich verfestigende Parallelgesellschaften toleriert, geht schweren Zeiten entgegen. Der türkische Fahnenwald in Deutschland ist - bei allem Respekt vor den patriotischen Empfindungen derjenigen, die rotweiß flaggen - ein Menetekel für diese Republik. Der Türkei freilich kann man zu solchen Bürgern nur gratulieren.
Text: F.A.Z.