25. Juni 2008 Der Traum vom Titel – er endete für Deutschland diesmal nicht Knall auf Fall im Halbfinale. Ein dramatisches deutsch-türkisches Duell bescherte diesmal dem deutschen Team in letzter Minute die Chance auf das ganz große Fußball-Glück am Sonntag beim EM-Endspiel in Wien. Ein Volltreffer von Philipp Lahm machte aus zwei ebenbürtigen Teams am Ende eine überglückliche und eine tieftraurige Mannschaft. Das 3:2 der Deutschen gegen die Türkei dürfte nach einer Schlussphase mit drei Treffern in zehn Minuten noch lange in Erinnerung dieser beiden Fußball-Nationen bleiben.
Wie würde die deutsche Mannschaft mit der Favoritenrolle umgehen? Das war die große und am Ende auch entscheidende Frage an diesem Abend in Basel, wo die Nationalmannschaft zum ersten Mal seit zwölf Jahren wieder ein Endspiel erreichen wollte. Mehr als rund ein Dutzend gesunde Spieler bekamen die Türken nicht mehr zusammen, und in den Tagen vor dem Spiel, waren die Deutschen immer bemüht, ihre Bodenhaftung zu betonen, aber gleichzeitig zweifelten sie nicht an ihrem Erfolg. Die taktische und personelle Antwort auf die Herausforderung hieß im Halbfinale: Alles wieder genauso wie gegen Portugal. Aber auf dem Platz sah dann alles doch ganz anders aus.
Vertauschte Rollen
Die körperliche Präsenz, die Dynamik und Entschlossenheit, mit der das Team von Joachim Löw den Favoriten Portugal überrascht und verunsichert hatte – all das war gegen die Außenseiter aus der Türkei von Beginn nicht mehr so da, wie es nötig gewesen wäre. Die Rollen waren, und das wurde schnell klar, ganz einfach vertauscht. Die Türken waren von unbändiger Energie getrieben, sie ließen die Deutschen kommen und nutzten dann jede Unkonzentriertheit und Fehlerhaftigkeit zu schnellen Angriffen. Von Selbstsicherheit und Selbstbewusstsein war zunächst einmal nur etwas in der Mannschaft Fatih Terims zu sehen, die beherzt die Chance ergriff, sich den größten Gewinn in der türkischen Fußball-Geschichte zu sichern. Die Deutschen indes wirkten in ihrem nervösen und fahrigen Spielaufbau lange wie eine Mannschaft, die glaubte, an diesem Fußballabend mehr verlieren als gewinnen zu können.
Dass das Spiel zur Halbzeit dem Ergebnis nach völlig offen war, bedeutete den größten Erfolg für die deutschen Favoriten, die die Kraft und Kühle hatten, den verdienten Rückstand trotz eklatanter Mängel in der Defensive umgehend wett zu machen. Sie kämpften sich dann immer mehr in die Partie hinein, und das war es, worauf es ankam, als die spielerischen Möglichkeiten nicht genügten. Mit zunehmender deutscher Zweikampfstärke und der Rückkehr von Frings verlagerten sich in der zweiten Halbzeit die Gewichte.
Dies schuf die Voraussetzung zu einem Finish von äußerster Intensität. Als die Türken vier Minuten vor Schluss ausgeglichen hatten, schlugen die Deutschen die Türkei ausgerechnet mit deren großer Stärke: dem Schlussspurt. Lahm krönte einen deutsch-türkischen Fußballabend, an dem sich am Ende die typisch deutsche Tugenden durchsetzen, die im entscheidenden Augenblick dann doch mit den Deutschen und nicht mit dem türkischen Double waren.
Text: F.A.Z.