Die Spiele sind vorbei, das Spiel beginnt

China ohne Regieanweisung: Wolfgang Zurborns hintergründige Fotografien aus Peking und Schanghai

28. August 2008 Es ist sehr erholsam, nach all den inszenierten Bildern der Olympischen Spiele, nach all der arrangierten, retuschierten Wirklichkeit mit Wolfgang Zurborns anarchistischem Auge auf China zu schauen. Der Zufall führt Regie, die Botschaft ist verschlüsselt, der Sinn spielt Verstecken, der Monolith zerfällt in Einzelteile. Es ist weder ein aufdringlicher Blick hinter die Kulissen noch ein komplizenhafter Schulterschluss mit den Menschen, die endlich Individuen sein dürfen. Es ist weder die Wahrheit noch eine Entlarvung, sondern ein hintergründiges Dekonstruieren der Wirklichkeit. Zurborns großartige Fotografien geben uns Möglichkeiten, keine Antworten, sie sind Fallgruben für die Wahrnehmung und Ermunterungen zu Gedankenspielen. Ein junger Mann mit Punkerfrisur und Punkerkette hockt an einer Säule und sieht aus, als sei er an ihr festgebunden; ist das der Pranger von Peking? Der gebeugte Mann, der in Schanghai auf den Leuchtbuchstaben eines "River View Restaurant" herumkrabbelt, ein verlorenes Menschlein inmitten von Architektur und Stahl, wirkt wie ein ironischer Widerspruch zu der Aussage, die er gerade repariert - für den Fluss hat er keinen Blick, andere aber sollen ihn haben. Und die Straßenkehrerin vor dem futuristischen Fernsehturm hat ihre Arbeit so ordentlich gemacht, dass ihre gesamte Umgebung klinisch rein wie ein Operationssaal aussieht, viel zu sauber jedenfalls für eine Stadt mit achtzehn Millionen Einwohnern. Wie hat sie das geschafft? Was ist ihr Geheimnis? Und ist es Zufall, dass ihre Straßenkehreruniform farblich so fabelhaft mit der blauen Skulptur im Vordergrund harmoniert, so, als sei das Ganze ein Nebenschauplatz der fehlerfreien Abschlussfeier im Pekinger Vogelnest? Wahrscheinlich nicht. Vielleicht doch. Wolfgang Zurborn entlässt uns nach der Perfektion der beiden vergangenen Wochen wieder in die Ratlosigkeit. Das ist sehr angenehm.

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"China! Which China?" von Wolfgang Zurborn. Verlag Schaden.com, Köln 2008. Vier Leporellos, sechzehn Farbfotografien. Großformat, 48 Euro.

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China! Which China?
von Zurborn, Wolfgang
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Buchtitel: China! Which China?
Buchautor: Zurborn, Wolfgang

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.08.2008, Nr. 201 / Seite R6

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