Botschaft aus Kreuzberg

17. April 2008 Fragen wir nach der einstigen Magie Venedigs, stehen uns die Veduten Canalettos vor Augen. Den verlorenen Zauber Dresdens und Warschaus hat uns sein Neffe Bellotto überliefert, den Charme des Fin-de-siècle-Paris Renoir. Geht es aber darum, den Charakter einer Stadt im Bild zu fassen, sind Comiczeichner die zuverlässigsten Zeugen: Niemand hat die Kleinstädte der Vereinigten Staaten und damit der westlichen Welt überhaupt treffender festgehalten als die Zeichner Walt Disneys mit ihrem "Entenhausen", niemand hat die Stadt der Zukunft so prägnant dargestellt wie François Schuiten. Berlin? Eduard von Gärtners Veduten verklären das klassizistische "Spree-Athen", Karl Hubbuch und George Grosz zeigten, präzise wie Comiczeichner, die neurotisch zuckende Metropole der zwanziger Jahre. Jetzt bietet Peter Funken "Botschaften aus Kreuzberg". Kreuzberg? Unter dem Stichwort "Kultsong" ist dann und wann noch "Kreuzberger Nächte sind lang" zu hören, der Hit der "Gebrüder Blattschuss" aus dem Jahr 1978. Die Hymne war der unwissentliche Abgesang auf einen Stadtteil, der damals jede Menge Ruinen- und Proletenromantik bot und heute eine sanierte Attraktion des Zentrums ist. Peter Funkens Kreuzberg ist keins von beiden. Seine Zeichnungen verknappen in der Tradition des Films "Symphonie einer Großstadt". Kein Gebäude lässt sich eindeutig identifizieren, und doch ist alles vorhanden, was Kreuzberg ausmacht: der gigantischen Gasometer, die Schlote, die Mietskasernen des neunzehnten und die Betonmonster des späten zwanzigsten Jahrhunderts. Mit eingestreuten Röhren und Turbinen, Nieten und Ventilatoren kommt ein surreales Moment hinzu. Kompakt ist diese Stadtsicht, ein sonderbar starres Gemenge widerstreitender Perspektiven - und menschenleer. Damit gewinnt sie die stille Bedrohlichkeit eines M. C. Escher, so rätselhaft im Ganzen wie die eingestreuten Worte: "Werk 5, Floh, Prespyten", lauten die Menetekel eines vibrierend entrückten Entenhausen-Vineta namens Kreuzberg.

DIETER BARTETZKO



Buchtitel: Botschaften aus Kreuzberg
Buchautor: Funken, Peter

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.04.2008, Nr. 90 / Seite R8

 
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