Von Andreas Obst
18. November 2005 An einer Stelle zwischen den Bildern philosophiert der amerikanische Fotograf Robert B. Haas über das Wesen der Wüste. Über die Eleganz ihrer Landschaften und den Blick des Betrachters aus der Luft und wie aus abstrakten Formen abstrakte Gedanken entstehen. Dennoch folgt dann einigermaßen unvermittelt die Parabel von dem jungen Mann, der sich auf den Weg durch die Wüste macht. Zweimal trifft er unterwegs denselben Alten, und jedesmal fragt der ihn nach seinem Wohin, worauf der Junge antwortet, er sei auf der Suche nach Ruhm und Reichtum. So gehen die Jahre dahin, und aus dem jungen Suchenden wird ein Greis, der nichts gefunden hat im Leben. Doch immer weiter läuft er durch die Wüste, bis er schließlich ein weiteres Mal auf den Alten trifft - der jünger aussieht denn je. Wohin er gehe, fragt ihn der ehemals junge Reisende, inzwischen dem Lebensüberdruß nahe, und ob ihm der Sinn nach Ruhm und Reichtum stehe. Nein, antwortet der Fremde: Er gehe den anderen Weg.
Für diese Geschichte nennt der amerikanische Fotograf keine Quelle. Das erstaunt, sind doch am Ende seines Buchs sogar die Flugzeug- und Hubschraubertypen angegeben, mit denen Haas über Afrika flog, die Kameraobjektive, die er benutzte, und sogar die Marken der Diafilme. Doch vielleicht war es ihm mit dem Verzicht auf nähere Angaben auch nur darum zu tun, das Universale der Parabel zu betonen, deren Anmutung an Kafkas Erzählung "Vor dem Gesetz" erinnert, was den Betrachter des Fotobands an dieser Stelle, jenseits der Hälfte von zweihundert fast durchwegs phantastischen Bilderseiten, ganz selbstverständlich glauben läßt, Kafka habe von der Weisheit der afrikanischen Wüste gelernt, nicht etwa umgekehrt.
Aus der Luft betrachtet, wirkt selbst eine Slumsiedlung poetisch
Sowohl Haas als auch seine Gastautorin Kuki Gallmann, eine Italienerin, die seit dreieinhalb Jahrzehnten in Kenia lebt und viele Bücher über ihre wie trunken afrikanische Leidenschaft veröffentlichte, haben bereits in der ersten Hälfte des Buchs so viel Pathos über dem Schwarzen Kontinent ausgegossen, daß man schon allein aus Erschöpfung bereit ist, ihnen von nun an jede weitere Übertreibung zu glauben. Längst vergessen sind die Widerhaken im Bramarbasieren der beiden: über die Distanz, die das Fliegen zu den Dingen am Boden herstelle, und wie einfach es sei, aus großer Höhe Erhabenheit zu erkennen, während unten in der Tiefe Elend ist, Schmutz, Gestank, Tod. Die Bilder belegen die Worte: Aus der Luft betrachtet, wirkt sogar eine Slumsiedlung poetisch durch die reine Ordnungskraft des Blicks aus der Ferne, der unterschiedliche Formen der Wellblechdächer zum Panorama fügt, das ausgebrochen wird durch die endlosen Reihen der Menschen entlang einem Fußweg durch seine Mitte.
Doch auf den Bildern "durch die Augen der Götter", wie der Untertitel des Bands lautet, spielen die Menschen nur Nebenrollen - als gelte es, sie auf die Plätze zu verweisen in den gigantischen Inszenierungen der Natur. Daß Entfernung ein relativer Begriff ist, und der Blick von oben nicht zwangsläufig Totalen erfaßt, sondern auch Details zu fokussieren vermag, zeigen zahlreiche Aufnahmen der afrikanischen Fauna vor allem in Botswana: galoppierende Giraffen, eine Elefantenherde, zum lebenden Wall um die Jungtiere formiert, ein Krokodil mit Beute. Die Gewalt genau dieses Moments erscheint sublimiert durch die Komposition des Bilds, den eleganten Schwung des Krokodilschwanzes gegen den blutigen Klumpen Fleisch im Maul der Echse, und drum herum das satte, nasse Grün des Sumpfs. Dazu philosophiert Haas über die einzigartige Erfahrung, Zeuge eines Tötungsakts in der afrikanischen Wildnis zu werden - seit je ein beliebter Topos unter Afrika-Anhängern.
Bilder, die man nicht vergißt
Die stärksten Eindrücke freilich hinterlassen jene Fotos, die von den Landschaftsschöpfungen der Natur erzählen: den Schwüngen der Bergkämme, den Biegungen der Flüsse, dem Wogen des Steppengrases, dem Glitzern von Wasser in der Sonne. Bei manchen Aufnahmen muß man mehrmals hinschauen, um ihre Genese zu erfassen. Da ist zum einen, was man auf den ersten Blick erkennt und was in den knappen Bildtexten unprätentiös lokalisiert wird: Sandbänke am Ufer des Sambesi, Namibia. Doch darunter liegt wie ein geheimnisvoller Ostinato, was diese Fotos von den Farben und Formen der Natur erzählen, von unbezähmbarer Gestaltungsphantasie. Der größte Reiz liegt in Gegenüberstellungen, deren Gegensätze kaum schärfer sein könnten. Hier eine Flußschleife im Okawango-Delta, unmittelbar davor das Kali-Werk in der Nähe des Abiyatasees in Äthiopien.
Das eine ein Werk der Natur, das andere die Zurichtung der Landschaft durch den Menschen. Beide Entwürfe haben eigenen ästhetischen Reiz. Erstaunlich ist, daß sich das Auge doch immer wieder in den Fügungen aus Menschenhand ausruhen will, den Orangetönen der Pfirsiche in südafrikanischen Trockengestellen, dem Ensemble der Sonnenschirme am Strand in Gambia. Und dann blättert man weiter und sieht sich fest an der Ansicht von Sandbänken vor der kenianischen Küste. Einige Linien, ockerfarbene Flächen, Licht und Schatten. Mehr ist da nicht. Es sind die Bilder, die man nicht vergißt.
Magisches Afrika - Durch die Augen der Götter von Robert B. Haas (Fotos und Texte). National Geographic Deutschland, Hamburg 2005. 208 Seiten mit 102 Farbfotos. Gebunden, 29,95 Euro. ISBN 3-937606-24-6.
Text: F.A.Z., 17.11.2005, Nr. 268 / Seite R12
Bildmaterial: National Geographic
