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Kolumne

„Ich will ganz offen mit Ihnen sein“

Von Georg M. Oswald




19. Juni 2008 
Alle fragten sich, wie es sich auswirken würde, wenn Kluge, der neue Chef, kommen würde. Auch Zirner fragte sich das. Mit Welk, Kluges Vorgänger, hatte er gut gekonnt. Sehr gut sogar. Was immer Welk vorgeschlagen hatte, Zirner war der Erste, der ihm folgte. Zirner war vor allem inhaltlich überzeugt von Welks Ansichten. Ein wirklich loyaler Mitarbeiter. Es gab Leute im Unternehmen, die behaupteten, Zirner sei ganz eindeutig ein Welk-Mann gewesen. So weit wäre Zirner selbst nicht gegangen. Sicher, es hatte ihn viel mit Welk verbunden. Aber als feststand, dass Welk ging - gegangen wurde, wie manche sagten -, war jeder froh, wenn er nicht mit ihm in Verbindung gebracht wurde. Besonders Zirner.

"Schlimm, dass Welk geht - ich meine, für dich als Welk-Mann", sagte ein Kollege.

"Ich? Ich bin doch kein Welk-Mann. Ich war nie gegen ihn, aber das sollte man doch auch nicht sein, zumindest gegenüber Vorgesetzten. Aber bin ich deshalb ein Welk-Mann? Wohl eher nicht", antwortete er, nach allen Seiten vorsichtig.

Kluge wurde nicht einfach als Ersatzmann für Welk geholt, er sollte dessen Kurs einer radikalen Korrektur unterziehen und, wie man munkelte, auch vor personellen Entscheidungen nicht zurückschrecken.

Zirner war gewarnt. Er machte sich schlau, wie er sagte, beschäftigte sich eingehend mit jeder Information, die er über den kommenden Chef in Erfahrung bringen konnte, und stellte fest, dass der in so gut wie jeder Angelegenheit genau die entgegengesetzte Auffassung von Welk vertrat. Zirner lernte, diese Ansichten zu verstehen, und machte sie sich zu eigen.

Als Kluge kam und wissen wollte, welche Mitarbeiter besonders eng mit Welk zusammengearbeitet hatten, wurde ihm zuvörderst der Name Zirner genannt.

Kluge rief ihn zu sich.

"Ich will ganz offen mit Ihnen sein, Herr Zirner. Was ich hier im Unternehmen tun werde, kann nicht jedermann gefallen."

Kluge malte Zirner aus, welche Entscheidungen Welks er für falsch halte und revidieren werde. Zirner nickte eifrig und schloss, zu dessen Verblüffung, nahtlos an Kluges Ausführungen an. Fasste Kluge den nächsten Gedanken, sprach Zirner ihn bereits aus. Wies Kluge darauf hin, dass doch Welk immer ganz anderer Ansicht gewesen sei, seufzte Zirner:

"Unbelehrbar war er, wenn es darum ging."

Schließlich meinte Kluge:

"Seltsam. Ich dachte, Sie wären ein ausgesprochener Welk-Mann." Zirner entgegnete:

"Und jetzt wissen Sie: Ich bin ein ausgesprochener Kluge-Mann."

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Cyprian Koscielniak
 
 
   
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