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Kolumne Elf Uhr s.t. bei Hettich Von Georg M. Oswald
Die Besprechung war für elf Uhr s.t. im großen Konferenzzimmer angesetzt. Teilnehmen sollten daran auf Initiative Hettichs Bergt, Zimmermann, Reich, Schuster, Dengler und Kerbel. Unsichtbare Hände versorgten die Flipcharts mit neuen Blöcken, stellten ein ansprechendes Sortiment von Erfrischungsgetränken auf den großen, gläsernen Tisch in der Mitte des Raumes, legten Anschlüsse für den Beamer bereit, alles schien perfekt vorbereitet. Um Punkt elf, noch in seinem Büro, bekam Hettich einen Anruf durchgestellt. "Okay, den nehme ich noch schnell", sagte er. Eine aufgebrachte Kollegin erzählte ihm, dass sie gerade aus einer Besprechung kam, in der wieder nicht die entscheidenden Beschlüsse gefasst worden waren, auf die sie alle warteten. Hettich war froh, das noch erfahren zu haben, er würde das sofort in der von ihm anberaumten Besprechung thematisieren. Um zehn nach elf traf er im Konferenzzimmer ein, fand dort aber nur Dengler vor. "Sagen Sie mal! Wo sind die denn alle?" "Kerbel und Schuster haben kurz hereingeschaut und sind wieder gegangen, weil noch Anrufe auf sie gewartet haben." Hettich rief bei seiner Sekretärin an: "Telefonieren Sie alle durch. Die sollen schleunigst hier antanzen!" Um halb zwölf waren endlich alle im Besprechungsraum: Hettich, Bergt, Zimmermann, Reich, Schuster, Dengler und - halt! Nein! Kerbel fehlte! "Wo ist Kerbel?", fauchte Hettich, bekam aber keine Antwort. "Um was geht's heute überhaupt?", fragte Bergt unschuldig. "Die Frage ist doch wohl nicht Ihr Ernst!", mahnte Zimmermann. "Die wenigsten sorgen dafür, dass etwas passiert, und die meisten wissen überhaupt nicht, was passiert", warf Reich ein. "Das haben wir doch schon fünfmal besprochen! Darüber gibt es ein Papier, ein Memo!", schimpfte Schuster. "Ich kenne dieses Memo nicht. Solange ich in dieser Firma arbeite, hat es zu dieser Frage niemals ein Memo gegeben!", rief Dengler. "Solange Kerbel fehlt, hat es überhaupt keinen Sinn, weiterzumachen. Das, worüber wir hier und heute reden wollen, fällt eindeutig in Kerbels Zuständigkeitsbereich", meinte Hettich. Ein Handy klingelte. "Handys aus in Besprechungen!", brüllten alle bis auf Hettich, um dessen Handy es sich handelte. Er ging dran. Es war Kerbel. "Tut mir leid, ich bin schon unterwegs zum nächsten Termin. Ich hatte nur eine halbe Stunde Zeit, das habe ich gleich gesagt." "Also gut, wann geht's?", fragte Hettich. "Morgen um elf", ließ ihn Kerbel wissen. Hettich teilte es den anderen mit. Die Besprechung wurde für elf Uhr s.t. im großen Konferenzzimmer angesetzt. Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München. Bildmaterial: F.A.Z. - Cyprian Koscielniak |
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