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Kolumne

Neulich in der S-Bahn

Von Georg M. Oswald

Kolumne: Neulich in der S-Bahn
23. Oktober 2007 

Gerd Kessler konnte es kaum glauben, wen er da in der S-Bahn traf. Den frischgebackenen CEO! In der S-Bahn! Und das Beste: Sie kannten sich. Im Hauptseminar Makroökonomie waren sie Banknachbarn gewesen. Kessler erinnerte sich noch genau daran. Er konnte einfach nicht widerstehen, verließ seinen Platz und zwängte sich durch den vollbesetzten Wagen zu ihm hin.

„Du hier? Ich fass' es nicht. Du fährst immer noch S-Bahn?“

„Ja, ja. Äh . . .“

„Kennst du mich noch?“

„Ja, das heißt, um ehrlich zu sein . . .“

„Kessler! Gerd Kessler! Erinnerst du dich? Hauptseminar Makroökonomie! Zwanzig Jahre ist das jetzt her!“

Was für eine Freude, fand Kessler, sich nach so langer Zeit wiederzutreffen und festzustellen, wie viel man gemeinsam hatte! Einen Job beim gleichen Konzern zum Beispiel, und, seit kurzem, offenbar auch ein Haus in der gleichen Gegend am Stadtrand.

„Bei mir ist es nicht schlecht gelaufen! Aber was rede ich von mir. Du bist ja wirklich ein Held! Carl Schmidt, frischgebackener CEO mit dreiundvierzig! Und immer noch S-Bahn fahren! Mensch, das sieht vielleicht bodenständig aus!“

Für Schmidt war die Rolle offenbar noch ein bisschen neu, jedenfalls blickte er etwas nervös nach links und rechts und nickte dann sparsam. Na, egal, Kessler ließ sich davon nicht irritieren. Immerhin konnte er behaupten, der CEO sei ein Studienfreund von ihm! Das war nicht das Schlechteste - Schmidt galt als Aufräumer, einer, der mit dem eisernen Besen kehrt. Da war es für alle Fälle nicht verkehrt, die gemeinsame Vergangenheit in Erinnerung zu bringen, und war sie auch noch so überschaubar.

Kessler überlegte, wie er Schmidt davon so begeistern konnte, wie er selbst davon begeistert war. Es war doch nicht möglich, dass er bei Schmidt so gar keinen Eindruck hinterlassen hatte. Er zählte die Namen gemeinsamer Ex-Kommilitonen auf. Schmidt lächelte gequält.

Sie stiegen gemeinsam aus, und Kessler genoss es, das Unternehmenshochhaus neben dem höchsten Chef zu betreten. Im Foyer hätte er gerne all diesen Kolleginnen und Kollegen zugerufen: „Wir kennen uns aus dem Studium!“

Im Lift trennten sich ihre Wege. Der von Schmidt ging noch höher hinaus als der von Kessler. Als Schmidt in seinem Büro ankam, sagte er zu seiner Sekretärin: „Morgen früh will ich mit dem Auto abgeholt werden. Ach, und bei Gelegenheit besorgen Sie mir doch bitte die Personalakte von einem gewissen Kessler. Gerd Kessler.“

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.



Text: F.A.Z., 20.10.2007, Nr. 244 / Seite C1

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