Kolumne

Schwäbischer Stress

Von Georg M. Oswald

29. Mai 2009 In frisch gewaschener Gärtnerkleidung besorgte Hetzle den Feinschnitt der Rasenkanten an den Beeträndern. Eine Tätigkeit, die ihm sonst besonderes Vergnügen bereitete, doch derzeit fühlte er sich stark unter Druck. Die erste Hälfte des Jahres war schon beinahe herum, aber welche seiner an Silvester gefassten Vorsätze hatte er eigentlich umgesetzt? Weniger Stress, hatte er sich geschworen, mehr Zeit für Familie und Freunde, mehr Sport und überhaupt mehr Bewegung, auch mehr Zeit für sich selbst, gesündere Ernährung, weniger Geld ausgeben, abnehmen, weniger fernsehen, weniger Alkohol trinken, auch keine Gelegenheitszigaretten mehr rauchen.

Aber irgendwie war er schon an Punkt eins gescheitert, weniger Stress. Wie sollte das auch gehen? Selbst jetzt, wo er eigentlich ein entspannter, schwäbischer Hauseigentümer am späten Samstagvormittag bei der Pflege seines Hab und Guts sein sollte, rumorte es in ihm. Die Schätzles links nebenan hatten gestern ihren Rasen vertikutiert, er nur gemäht. Die Pfleiderers rechts nebenan hatten ihr Gartenhäuschen frisch gestrichen, er selbst hatte lediglich gründlich aufgeräumt. Die Finanzierung für das Haus lief im nächsten Quartal aus. Bei den derzeitigen Zinsen wohl eher ein Segen als ein Problem, andererseits, wer wusste, wie sich der Markt in den nächsten drei Monaten veränderte? Und wie sich überhaupt alles veränderte?

Letzte Nacht hatte er geträumt, dass er morgens wie immer mit der S-Bahn zur Arbeit fahren wollte, doch der Zug kam nie an der Haltestelle an, und Hetzle stellte mit Grausen fest, dass er nicht nur zu spät kommen, sondern auf diese Weise auch seinen Arbeitsplatz verlieren würde. Vielleicht lag es an dieser unseligen Statistik, die er kürzlich gesehen hatte: Danach gaben 42 Prozent der Schwaben an, im Dauerstress zu leben. Am anderen Ende der Skala rangierten ausgerechnet die Bayern. Von ihnen fühlten sich nur 24 Prozent ununterbrochen gestresst. Und sogar von den Mecklenburgern, die doch, wie Hetzle meinte, wirklich allen Grund zur Panik hätten, waren es lediglich 29 Prozent.

So verzweifelt, ausgerechnet in Bayern Entspannung zu suchen, war Hetzle nun noch nicht. Es war womöglich etwas anderes, das er brauchte, um einmal wirklich runterzukommen: Urlaub an der schönen Mecklenburgischen Seenplatte. Er stellte sich vor, wie er behutsam Kontakt zu Eingeborenen aufnahm und ihnen zeigte, wie man Rasenkanten an Beeträndern millimetergenau zuschneidet. Das wussten die dort bestimmt nicht. Vielleicht nähmen sie es dankbar auf und brächten ihm im Gegenzug etwas viel Größeres bei: das Geheimnis der Gelassenheit.

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Cyprian Koscielniak

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