Kolumne

„Benote deinen Chef“

Von Georg M. Oswald

03. Juli 2009 Kimmel war zutiefst enttäuscht. Er war doch nicht einfach irgendein Vorgesetzter. Seine Rolle erschöpfte sich doch nicht darin, Anweisungen zu geben oder gar Befehle zu erteilen, Ergebnisse abzufragen und über ihre Qualität zu richten. Er war für seine Leute da, Tag und Nacht, wenn es sein musste. Hätte jemand über ihn gesagt, er habe „stets ein Ohr für seine Mitarbeiter“, hätte er ihm widersprochen, und zwar nicht, weil es falsch war, sondern weil Zuhörenkönnen für ihn nicht nur eine Floskel bedeutete, sondern eine Herausforderung, eine Verpflichtung. Kimmel war nämlich auch: Trainer, Ausbilder, Coach. Und auch: Gesprächspartner. Im Extremfall vielleicht sogar so etwas wie ein: Freund? Gut, vielleicht nicht in der eigentlichen oder gängigen Bedeutung des Wortes, aber doch jemand, der es wirklich ernst meinte. So sah er das jedenfalls. Seine Urteile - nein, so nannte er es nicht gerne - seine Einschätzungen waren so differenziert wie nur möglich. Es ging ihm nicht darum, jemanden fertigzumachen, abzuqualifizieren, schon gar nicht: zu demütigen. Dennoch, seine vordringlichste Aufgabe war es, den Erfolg des Unternehmens im Auge zu behalten.

Gerade jungen Mitarbeitern fiel es oft schwer, hier den richtigen Blickwinkel einzunehmen. Vieles, was auf dem Papier eindeutig und klar aussah, war in der Realität verworren und schwierig. Die einfache Lösung nicht immer die beste. Der beste Mitarbeiter nicht immer der richtige. Der richtige Vorschlag nicht immer der, der sich durchsetzte. Gerade deshalb musste es einen geben, der die Leute auf ihre Eignung prüfte, die Auswahl vornahm und sich letztlich nicht scheute, sie - ja doch! - zu bewerten, gleich, ob das Ergebnis dem einen oder anderen unverständlich erscheinen mochte. Kimmel war sicher: Keiner war für diese Aufgabe besser qualifiziert, und keiner erfüllte sie besser als er.

Jetzt aber hatte er im Flur von einem Link gehört, auf der Mitarbeiter ihre Vorgesetzten bewerten konnten. Was er vorfand, war ein Albtraum. Anonyme User, die bekanntlich besonders zur Gewissenlosigkeit neigen, übten dort nach einem ebenso primitiven wie brutalen System - Schulnoten! - Meinungsterror aus. Unter der so grobianischen wie hetzerischen Überschrift: „Benote deinen Chef!“ fand er seinen Namen dort, daneben Einzelnoten für Auftreten, Freundlichkeit, Fairness, Motivation, Fachkompetenz, die zusammen die Note 4,3 für ihn ergaben. „Noch ausreichend“ war das wohl. Irrte er sich, oder war da tatsächlich, als er abends durch die Abteilung ging, ein Anflug von Schadenfreude auf den Gesichtern gerade der jungen Mitarbeiter?

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Cyprian Koscielniak

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