Kolumne

Was ist am dringendsten?

Von Georg M. Oswald

12. Juni 2009 Schilch kehrte zurück an seinen Schreibtisch. Ihm gegenüber saß Sperl, der ihn fragte: „Und? Was hat Munk gesagt? Bis wann braucht er deine Ausarbeitung?“ Schilch runzelte die Stirn: „,Asapst', hat er gesagt.“ „Wie bitte?“ „Das ist die Steigerung von asap - as soon as possible.“ „Na, das ist ja fein!“, entfuhr es Sperl. „Das hier und das und das und das“ - er hielt nacheinander mit Papieren gefüllte Klarsichtfolien hoch, die auf seinem Schreibtisch lagen - ist auch alles ,asapst'! Und was machen wir jetzt?“ „Dann müssen wir eben alles gleichzeitig erledigen.“ „Das schaffen wir doch niemals!“

Kitz, der das Gespräch der beiden aus der Halbdistanz mitverfolgt hatte, schaltete sich ein: „Sperl hat recht, alles gleichzeitig ist nicht zu schaffen. Es handelt sich um ein Optimierungsproblem. Es ist vergleichbar mit dem ,Problem des Handlungsreisenden'. Das ,Traveling Salesman Problem', kurz TSP. Schon mal gehört?“ Der entgeisterte Gesichtsausdruck von Schilch und Sperl war Antwort genug. Kitz setzte fort: „Ein Handlungsreisender muss mehrere Städte bereisen. Wie findet er die günstigste Route? Klingt einfach, ist aber ein komplexes mathematisches Problem. Wer es löst, findet heraus, wie er seine Arbeit am schnellsten erledigen kann.“

„Mag ja sein, aber was hat das mit uns zu tun?“, murrte Schilch. „Setzen wir für ,Handlungsreisende' ,Mitarbeiter' ein und für ,Städte' ,zu lösende Aufgaben' und für ,Reiserouten' ,Lösungswege', dann wird es vielleicht klarer. Um schnell zu brauchbaren Lösungen zu kommen, sind meist durch Heuristiken motivierte Näherungsverfahren notwendig, die aber in der Regel keine Güteabschätzung für die gefundenen Lösungen liefern ...“

Schilch und Sperl verstanden längst nicht alles von Kitz' nun folgendem Vortrag, aber immerhin genug, um zu verstehen, dass sie auf diesem Weg herausfinden konnten, in welcher Reihenfolge sie ihre Aufgaben angehen sollten. Nur, wie konnten sie Munk davon überzeugen, dass diese Reihenfolge die richtige war? Sie baten um einen Termin bei ihm, den sie asapst bekamen. Sie erläuterten Munk das TSP, was es mit ihrer Arbeit zu tun hatte und welche Lösungen es dafür gab. Munk warf die Stirn in tiefe Falten. Am Ende schickte er die drei hinaus: „Sie hören von mir.“

Es schien ihm, als hätte das, was sie ihm vortrugen, durchaus einen wahren Kern berührt. Aber er musste einen Weg finden, wie er das ohne Gesichtsverlust einräumen konnte und außerdem vertuschen konnte, dass er bei dem mathematischen Lösungsansatz nur Bahnhof verstanden hatte. Gedankenverloren notierte er auf einen Notizblock: „Dringendst herausfinden: Was ist am dringendsten?“

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Cyprian Koscielniak

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