Von Georg M. Oswald
11. Mai 2009 Schatz, welchen Anzug soll ich heute anziehen? Schwarz, blau, oder anthrazit?“ Hmm?“ Gepunktete oder gestreifte Krawatte?“ Um was für einen Termin geht es denn?“ Das Treffen mit den Deutschen. Wir übernehmen wahrscheinlich eines dieser zahlungsunfähigen Traditionsunternehmen.“ Ich würde da an deiner Stelle überhaupt nicht im Anzug hingehen.“ Meinst du? Ich weiß nicht. Da sind auch Leute von der Regierung dabei. Die sehen so aus, als würden sie den Anzug nur zum Bügeln ausziehen.“ Ebendarum!“ Wie? Verstehe ich nicht.“ Na, stell dir vor: Die Deutschen sitzen da alle, geschniegelt und gewienert, wie es sich gehört in Anzug und Krawatte am Tisch und warten auf Ciccione, den italienischen Investor. Und er? Kommt eine Viertelstunde zu spät, steigt lässig aus seinem Lamborghini aus und trägt: Hemd und Pullover!“ Ein schickes Hemd und einen schicken Pullover.“ Muss gar nicht sein. Nimm den blauen, den du gestern Abend beim Grillen am See angehabt hast.“
Ist das nicht ein bisschen unverschämt? Es geht um die Zukunft eines Unternehmens, um Arbeitsplätze. Man hat einander also mit Respekt zu begegnen, mit Würde.“ Du redest schon wie einer von denen. Ihr wollt sehen, ob ihr miteinander ins Geschäft kommt. Und schließlich überlegt ihr euch, eine marode Firma zu kaufen, nicht sie. Was hat dein Pullover damit zu tun?“ Sie könnten es als Mangel an Ernsthaftigkeit auffassen, vielleicht sogar als Mangel an Kompetenz.“ Also bitte, Schatz! Glaubst du wirklich, es gibt Deutsche, die jemanden für inkompetent halten, weil er zu einem Geschäftstermin ohne Krawatte erscheint?“ Du kennst sie nicht so gut wie ich, glaub mir, einige von ihnen sind so. Andere würden es vermutlich einfach für stillos halten, und eigentlich sind es doch wir Italiener, denen man Stilsicherheit nachsagt.“
Wenn du mich fragst – und du hast mich gefragt –, wenn du im Pullover kommst, machst du damit klar: Du bist der Chef, du kannst es dir erlauben. Keine schlechte Botschaft für ein erstes Treffen, oder? Sie werden es dir nicht übelnehmen. Und wenn doch? Ist es auch nicht weiter schlimm. Wie bemühen sich die Deutschen, ihre Spaghetti so zu essen und ihren Espresso so zu trinken wie wir! Sie wollen so gut Fußball spielen wie wir und imitieren natürlich auch, wie wir uns kleiden. Sage zu einem Deutschen, er sieht aus wie ein Italiener, und er ist dir ewig dankbar! Du wirst sehen, sie werden sich ein bisschen über deinen Auftritt wundern – und bei der nächsten Besprechung sitzen sie alle selbst im Pullover da!“
Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Cyprian Koscielniak