Kolumne

Die Geschichte von der Win-Win-Win-Situation

Von Georg M. Oswald

26. Juni 2009 Schad und Bär, die beiden Aufsichtsratsmitglieder, stellten sich nach Anmeldung der Insolvenz der Presse und gaben bereitwillig Auskunft. Sicher, Minderbinder sei wegen seiner unbestreitbaren Qualitäten ins Unternehmen geholt worden. Natürlich, auch wo er gehobelt habe, seien Späne gefallen, doch er habe Phantasie genug besessen, um mit diesen, um im Bild zu bleiben, mehr anzufangen, als sie einfach in den Abfall zu kehren. Konkret habe das geheißen: Auch er musste ungenutzte Kapazitäten freisetzen, sprich Leute entlassen.

Aber darüber hinaus habe er noch ein paar Tricks mehr auf Lager gehabt, die so viel liquide Mittel eingebracht hätten, dass er bald neue, bessere einstellen konnte, die sein System kapierten. Die wunderbare Geldvermehrung hätte zwar auch er nicht erfunden, aber etwas, das dem schon sehr nahe kam. Als er den Vorstandsvorsitz übernommen habe, verkaufte das Unternehmen seine Immobilien an einen externen Fonds, von dem es sie dann wieder mietete. Das habe bedeutet: Liquidität für das Unternehmen, Schnäppchen für den Fonds. Eine echte Win-Win-Situation. Zuvor habe Minderbinder persönlich natürlich Anteile an dem Fonds gekauft. So wurde aus einer Win-Win- eine Win-Win-Win-Situation. Und natürlich bekamen auch einige von den neuen, besseren Mitarbeitern rechtzeitig Bescheid, so dass sie sich ebenfalls am Fonds beteiligen konnten, damit vielleicht sogar eine Win-Win-Win-Win-Situation daraus würde. Die Frage, ob auch sie an dem Fonds beteiligt seien, wiesen Schad und Bär selbstverständlich mit dem Ausdruck der tief empfundenen Entrüstung zurück. Die Staatsanwaltschaft ermittle nun bekanntermaßen gegen Minderbinder wegen des Verdachts der Untreue. Schad und Bär kritisierten in diesem Zusammenhang die Doppelmoral der Öffentlichkeit. Unser ganzes Wirtschaftssystem, so Schad und Bär, ziele darauf ab, Profit zu erzielen. Solange das gutgehe, beschwere sich niemand, wollten alle dabei sein. Nur wenn es schiefgehe, müsse unbedingt einer gefunden werden, der für die anderen den Kopf hinhält.

„Haben wir ihn reingeritten?“, fragte Schad Bär nach der Konferenz. „Nicht doch. Schlimmstenfalls bekommt er eine Geldstrafe, die er aus der Portokasse bezahlt.“

„Vielleicht hätten wir noch sagen sollen, dass er sich ehrenamtlich für den Artenschutz engagiert.“

„Quatsch, das hat doch mit der Sache nichts zu tun. Aber apropos, da hab ich neulich einen Witz gehört: Treffen sich zwei Planeten im Weltall. Sagt der eine: ,Du, ich glaub, ich hab Homo sapiens.' Sagt der andere: ,Keine Sorge, das geht vorüber.'“

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Cyprian Koscielniak

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