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Kolumne

Kleiber sieht gelb

Von Georg M. Oswald




02. Juli 2008 
Am Sonntagabend blätterte Kleiber, zweiter Stellvertreter des Vorsitzenden des Dachverbandes, zufrieden in seinem Terminkalender. Er blätterte, wohlgemerkt, denn elektronische Hilfsmittel waren ihm ein Graus. Ihre Praktikabilität wurde überschätzt. Es ist ja nicht so, dass die Menschen vor Einführung des multifunktionalen Mobiltelefons auf den Bäumen gesessen wären. Kleiber jedenfalls liebte den ledernen Geruch seines Kalenders, in den seine Sekretärin die Termine für die kommende Woche eingetragen hatte. Sie machte das sehr sorgfältig und gewissenhaft. Mit orangefarbenem Marker waren die Termine gekennzeichnet, bei denen er etwas sagen musste, mit gelbem die, bei denen seine Anwesenheit genügte. Farblos die Zeiten, die er in seinem Büro zu verbringen hatte.

Die anstehende Woche konnte sich sehen lassen. Am Montag ein Incentive-Event in Mannheim zur Erhöhung der Anwesenheitsquote bei einem der größten Mitgliedsunternehmen (orange). Dort konnte er eigentlich wieder einmal seine "Schiffsrede" zum Einsatz bringen. "Wer ein Schiff bauen will, soll seinen Leuten nicht Hammer und Nägel geben, sondern in ihnen die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer wecken!" Das war von Saint-Exupéry. Ein bisschen schmalzig, zugegeben, aber es kam gut an, soweit man das überhaupt sagen konnte.

Am Dienstagabend Businessdinner des Arbeitskreises Qualitätsmanagement in Trier (gelb). Kleiber schmunzelte. Gerstner, der Vorsitzende, hatte sich nicht lumpen lassen und wieder den "Landsknecht" als Restaurant gewählt. Dort sollte seit neuestem ein Haubenkoch zugange sein. Der war wohl eine Reise wert.

Am Mittwoch Powerlunch in Frankfurt mit Vertretern weiterer Verbände (orange). Kleiber würde Tacheles reden. Kurz befürchtete er, er habe die Rede "Effizienz durch Exzellenz" dort schon letztes Jahr gehalten, aber nein, konnte nicht sein, er hatte sie ja erst in diesem Frühjahr schreiben lassen. Powerlunch, allein bei diesem Wort zog sich einem ja der Magen zusammen. Er würde den Vorschlag auf die Tagesordnung bringen, das einmal zu ändern.

Der Donnerstag war farblos, keine Veranstaltung. Er würde im Büro nach dem Rechten sehen und mit seiner Sekretärin die Planung der übernächsten Woche besprechen.

Am Freitagvormittag dann in München Weißwurstfrühstück bei der Exzellenzoffensive Südbayern (orange). Da musste er ein Grußwort sprechen. Er entschied sich für "Effektivitätssteigerung im neuen Jahrtausend" - war zwar schon ein paar Jahre alt, aber in München noch nie zum Einsatz gekommen. Man musste schließlich ökonomisch vorgehen; und wenn es um Effektivität ging, machte Kleiber keiner so leicht was vor.

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Cyprian
 
 

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