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Kolumne Ein kleiner Sprint ist ja auch mal ganz nett Von Georg M. Oswald
Göbel und Hepp waren im Laufschritt zu Gate C 4 unterwegs. Beide zogen einen Trolley hinter sich her und trugen eine Anzugtasche über der Schulter. Es war ein heißer Tag, und Göbel war froh, als er die Tafel mit dem großen C und der großen 4 endlich sehen konnte. Er hatte sich schon bei ihrem letzten Kundentermin an diesem Tag nicht besonders gut gefühlt. Nichts Besonderes, es war nur einfach die Hitze, die ihm, einem Mittfünfziger, vielleicht ein bisschen mehr zusetzte als dem zwanzig Jahre jüngeren Hepp. Es war nur so ein Gefühl, aber bei den Verhandlungen war ihm Hepp immer dann besonders energiegeladen vorgekommen, wenn er, Göbel, sich die Stirn mit dem Taschentuch abtupfte oder unwillkürlich seufzte, sich mit dem Zeigefinger zwischen Kragen und Hals fuhr oder sonst nicht verbergen konnte, dass es ihm nicht leichtfiel. Hatte er da nicht das eine oder andere mitleidig-verständnisvolle Lächeln bei Hepp entdeckt? Nicht für ihn bestimmt, sondern für die Mitarbeiter des Kunden? So nach dem Motto: "Sie verstehen, er ist zwar immer noch dabei, aber wenn Sie Lösungen haben wollen, wenden Sie sich besser an mich." Göbel war Hepp das eine oder andere Mal verbessernd ins Wort gefallen. Bei ihren Schulungen wurde ihnen beigebracht, dass sie das nicht tun sollten, schon gar nicht in Gegenwart von Kunden, aber sollte er sich einfach die Butter vom Brot nehmen lassen? Hepp hatte die Sache nicht angesprochen - noch nicht, es war ja auch kaum Zeit gewesen, sie waren sowieso viel zu spät dran, aber wahrscheinlich musste er da noch mit etwas rechnen, befürchtete Göbel. Da kam die Durchsage. Der letzte Aufruf für ihren Flug. "Bitte beachten Sie, dass der Flug außerplanmäßig nicht an Gate C 4, sondern an Gate C 24 abgefertigt wird." Ihre Blicke trafen sich. Göbel hätte sich am liebsten zu Boden sinken lassen, aber Hepp sah ihn mit einer Entschlossenheit an, die es ihm unmöglich machte, zu kneifen. Hepp rannte los, Richtung Gate C 24, und Göbel hinterdrein. Hepp schnellte Sprung um Sprung nach vorn, Göbel kämpfte um jeden Meter. Als Hepp ankam, hatte er genug Zeit, die Stewardess zu bitten, noch auf Göbel zu warten. Als Vorletzter und Letzter bestiegen sie die Maschine. Als sie saßen, wandte sich Hepp gut gelaunt und gewissermaßen demonstrativ nicht außer Atem an Göbel: " Na ja, so ein kleiner Sprint ist ja auch mal ganz nett, nicht wahr?" "Aber Sie sind besser trainiert, wie ich sehe", keuchte Göbel. "Na, Sie sind doch auch noch recht fit für Ihr Alter", erwiderte Hepp gönnerhaft. "Du wirst noch erleben, was du davon hast, mich zu unterschätzen", dachte Göbel, doch wenn er ehrlich war, glaubte er seiner eigenen Drohung nicht. Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München Bildmaterial: F.A.Z. - Cyprian Koscielniak |
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