Von Georg M. Oswald
08. Mai 2009 Mit Kritik, wusste der ehrgeizige Dr. Happ, musste man umgehen können. Gut, er war noch nicht lange im Unternehmen. Dennoch erlaubte er sich, kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Das machte ihn vielleicht nicht sonderlich beliebt, aber er war nicht umsonst höher eingestiegen als so mancher andere. Seinen Mangel an Erfahrung machte er spielend durch andere Qualitäten wett. Seine fachliche Klasse hatten ihm die Universitäten bescheinigt, die er besucht hatte, und im menschlichen Bereich war er sowieso ein Ass. Er konnte verstehen, dass nicht alle Mitarbeiter seine Ankunft im Unternehmen toll fanden, aber sollte er sich deshalb auf die Zunge beißen?
Das ist ja ganz schön, Herr Schlump. Aber halten Sie Ihre Mini-Einfälle schon für diskussionsreif?, seufzte er in einer Besprechung. Musste es ihn kümmern, dass Herr Schlump ihn seitdem finster ansah? Er wollte nicht ungeduldig sein, doch dann entfuhr ihm ein: Wie oft hat man Derartiges schon gehört, Frau Kantz? Seither schwieg sie. Es war auch durchaus nicht so, dass er nur nach unten trat. Über einen ausgeschiedenen Vorstand, der noch beratend tätig war, ließ er die Abteilung wissen: Ich bin immer wieder aufs Neue überrascht, welchen Ton er für angemessen hält. Niemand zwingt ihn dazu, überhaupt noch Fragen zu beantworten. Auch vor dem aktiven Vorstand machte Happ nicht halt: Wie kommt er eigentlich darauf? Das entbehrt jeglicher Grundlage. Er wird sich etwas Besseres einfallen lassen müssen.
Wie gesagt, nicht jeder wusste, wie er mit dieser offenen Art umgehen sollte. Klupp, ein Praktikant, riskierte einmal eine Lippe und sagte: Herr Dr. Happ, Sie wissen ja scheinbar über alles Bescheid. Davon ließ Happ sich natürlich nicht aus der Ruhe bringen. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie sich einmal den Unterschied zwischen ,scheinbar' und ,anscheinend' vergegenwärtigen könnten. Er verstand die Sorgen seiner Leute durchaus. Er betonte das auf dem monatlichen Jour Fixe: Dies ist ein Unternehmen, von Menschen für Menschen gemacht. Auch, dass Sie dieses Thema aufgreifen, ist überhaupt nicht zu beanstanden. Gestört hat mich nur der Ton, in dem Sie es tun. Da erwarte ich von meinen Mitarbeitern mehr. Lange Gesichter.
Warum gab er sich eigentlich solche Mühe? Es ging ihm ums Niveau! Einzig und allein ums Niveau! Und ebendeshalb hatte er keinerlei Verständnis für die anonyme Nachricht beleidigenden Inhalts, die er jetzt auf seinem Schreibtisch vorfand. Jemand hatte ihm geschrieben: Es gibt Besserwisser, die niemals begreifen, dass man recht haben und ein Idiot sein kann.
Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Cyprian Koscielniak