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Kolumne

Das kann doch mal passieren

Von Georg M. Oswald




08. Juli 2008 
Dr. Voß, ein Unternehmer, war berühmt für seine vollendeten Manieren. Eine Situation, in der er sich nicht formvollkommen zu verhalten gewusst hätte, war kaum auszudenken, und seine Gattin stand ihm nicht in dieser noch in anderer Hinsicht nach.

Der respektvolle Umgang miteinander, gleich, ob im Beruf oder im Privatleben, war, so Dr. Voß, zuallererst eine Frage der Form.

Ganz gegen den Geist der Zeit, erklärte er deshalb gerne, verlange er vor allem bei seinen Führungskräften sorgfältige Kleidung und einwandfreies Benehmen. Besonders lagen ihm die Tischsitten am Herzen. Immer wieder musste er beobachten, dass es Spitzenkräfte gab, die noch nicht einmal wussten, wie man eine Gabel richtig hielt. Aber konnte jemand, der aß wie ein Landsknecht, sein Unternehmen angemessen repräsentieren? Die Probe aufs Exempel nahm er höchstpersönlich vor, indem er jedes neue Mitglied seiner Führungsriege zu sich nach Hause zum Essen einlud.

Prinzesskartoffeln auf die Gräten

Diesmal traf es Kerb, einen neuen Abteilungsleiter. Er bereitete sich vor, studierte Benimmbücher und trainierte sogar vor dem Spiegel. Am entscheidenden Abend dann lief alles gut, es wurde Fisch serviert, doch neben den Tellern befanden sich leere, nierenförmige Schälchen aus feinstem alten Porzellan, die, wie er glaubte, für Gräten gedacht waren, weshalb er diese auch dort plazierte. Er war sich nicht sicher, ob er sich irrte, aber von diesem Moment an herrschte eine etwas beklommene Atmosphäre. Mit nachdrücklichen Mienen legte sich das Ehepaar Voß nun die Prinzesskartoffeln auf den Schälchen vor, und Kerb begriff seinen Fehler.

Wie hatte er gelernt? Wenn einem ein gut sichtbarer Fauxpas geschehen ist, soll man nicht versuchen, ihn zu vertuschen, sondern freimütig zugeben und mit den anderen darüber lachen. Also gestand er, um einen munteren Ton bemüht: „Ach, der Teller ist für die Kartoffeln - und ich dachte, er wäre für die Gräten!“ Dr. Voß schmunzelte, wobei nicht zu erkennen war, ob gutmütig oder säuerlich, während seine Frau ein helles, vernichtendes Lachen hören ließ.

Das Lachen verfolgt ihn bis in den Schlaf

„Das kann passieren“, sagte sie. Genau, dachte Kerb, das kann passieren. Aber es darf nicht passieren. Und es war ja auch klar, dass Frau Dr. Voß zwar gesagt hatte, das könne passieren, aber gedacht hatte, dass es niemals passieren dürfe. Sicher, ein kleiner Schatten nur, der Kerbs Qualifikation, seine Fähigkeiten, auch seine künftigen Aussichten nicht zwingend beeinträchtigen musste, der aber das Bild trübte, das die Vossens sich von ihm machten.

Das Lachen von Frau Dr. Voß klang Kerb auch noch nachts vor dem Einschlafen in den Ohren. Er konnte nur hoffen, dass seinen Konkurrenten nierenförmige Beilagenschalen so fremd waren wie ihm.

Text: Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Cyprian Koscelniak
Bildmaterial: Cyprian
 
 
Lesermeinungen zum Beitrag [4]
Soziale Aufsteiger 09.07.2008, 10:57
wenn... 08.07.2008, 14:44
Höflichkeit? 08.07.2008, 14:33
 

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