Kolumne

Wenn das der Chef hört

Von Georg M. Oswald

Kolumne: Wenn das der Chef hört
25. Dezember 2007 

„Bei uns ist ja nun auch nicht alles Gold", sagte Gellert zu seinem Tischnachbarn Steiner bei der Weihnachtsfeier, ohne etwas Bestimmtes damit zu meinen. Es war einfach nur so dahingesagt. Doch Gellert war im internen Außendienstranking im vergangenen Jahr um drei Plätze zurückgefallen, nachdem die Vertretergebiete neu aufgeteilt worden waren. Daran dachte er aber erst wieder, als er Steiners erschrockenes Gesicht sah, der erwiderte: "Finden Sie wirklich?" Gellert beeilte sich zu erklären, dass er, was er gesagt hatte, natürlich nicht wirklich meinte. Steiner zuckte die Achseln, und Gellert hoffte, die Sache wäre damit erledigt.

Aber es war so wie mit der Zahnpasta und der Tube - wenn sie einmal draußen war, konnte sie keine Macht der Welt wieder hineinbringen. Tags darauf sagte Steiner zu Gruber: "Gellert scheint mit seinem Job unzufrieden, jetzt, nachdem sich seine Zahlen verschlechtert haben."

Gruber sagte später zu Winkler: "Gellert hat sich bei Steiner über die Neuaufteilung beschwert." Winkler sagte in einer Kaffeepause zu Berger: "Gruber hat erzählt, Gellert hat sich bei Steiner über die Gebietsreform ausgekotzt. Muss ziemlich heftig gewesen sein." Berger erwähnte am nächsten Tag gegenüber Frau Bang, der Sekretärin des Außendienstleiters Fritsch, der die Neuordnung der Vertretergebiete veranlasst hatte: "Gellert hat wohl auf der Weihnachtsfeier ganz schön zugelangt. Irgendwann hat er tierisch vom Leder gezogen. Die Neuaufteilung der Gebiete sei eine Schweinerei. Seine Umsätze seien nur deshalb in den Keller gerutscht und so weiter. Wenn der so weitermacht, weiß ich nicht, ob das mit ihm weiter gutgeht."

Frau Bang war über die Nachricht besorgt. Sie hatte nur gerüchteweise von der Sache erfahren. Andererseits wusste sie, dass Fritsch ihr vollkommen vertraute und sicher erwartete, dass sie ihm derartige Informationen sofort zukommen ließ. Am nächsten Morgen sagte Frau Bang zu Fritsch: "Herr Gellert hat auf der Weihnachtsfeier einen über den Durst getrunken und sich über die Neuordnung beschwert. Leute, die dabei waren, sagen sogar ,ausgekotzt'." Fritsch war empört.

Er rief Gellert zu sich. "Haben Sie etwas auf dem Herzen, Herr Gellert?" "Nein, nicht, dass ich wüsste, Herr Fritsch." Fritsch war noch empörter. "Ich finde es enttäuschend, wenn mir ein Mitarbeiter nicht offen seine kritische Meinung gesteht, Herr Gellert. Ich bin der Letzte, der dafür kein Verständnis hat. Aber wenn einer versucht, hintenherum gegen mich zu mauscheln, der bekommt mich zum Feind. Lassen Sie sich das gesagt sein."

In der Kaffeepause erzählte Frau Bang Berger: "Fritsch hat ihn abgemahnt, glaube ich. Als Nächstes kommt die Kündigung." Berger sagte nachdenklich: "Ich versteh' nicht, warum der nicht endlich Ruhe gibt."

Text: F.A.Z., 22.12.2007, Nr. 298 / Seite C1
Bildmaterial: F.A.Z. - Cyprian Koscielniak

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