Von Georg M. Oswald
06. November 2009 Es war spät. Der Termin hatte sich scheinbar endlos in die Länge gezogen. Im Licht der Straßenlaternen näherte sich Pfahl seinem Wagen. Mit leisem Bedauern stellte er fest, dass sein Fahrer ihn nicht empfing, wie er das früher getan hätte. Als Student hatte er angefangen, in der Fahrbereitschaft. Er hatte viele Chefs erlebt und verstanden, dass man antizipieren musste, um zum richtigen Zeitpunkt effektvoll aus dem Wagen zu springen und die Tür aufzureißen. Leistung und ein gewisses Gespür dafür, was Führungskräfte hören und sehen wollen, hatten ihn dort hingebracht, wo er heute war. Überstunden, Wochenendarbeit, der besondere Einsatz, energisch und immer gut sichtbar. Hier aber stimmte ganz offensichtlich etwas nicht. Schmitt, sein Fahrer, saß nicht auf dem Fahrersitz. Erst auf den zweiten Blick entdeckte ihn Pfahl. Er saß im Fond. Pfahl öffnete die Hintertür.
So, tut mir leid, Herr Schmitt, das hat vielleicht gedauert. Ich wär' dann jetzt so weit.
Schmitt machte keine Anstalten auszusteigen, streckte sich und ließ wissen: Zu spät. Ich kann leider nicht mehr fahren.
Oh Gott, hatte er getrunken? Konnte nicht sein. Zumindest in dieser Hinsicht war Schmitt eigentlich zuverlässig. Vorsichtiges Nachfragen war angezeigt. Geht es Ihnen nicht gut? Doch. Sehr gut sogar. Ich habe nämlich Feierabend. Ein Fall von dreister Arbeitsverweigerung? Nein, Pfahl ahnte, woher der Wind wehte: Ruhepause nach dem Arbeitszeitgesetz. Nun, es gab eine U-Bahn in der Nähe. Er konnte Schmitt vorschlagen, dort hinzugehen und nach Hause zu fahren. Darüber hätte er sich nicht beschweren dürfen. Die Chefs, die Pfahl gefahren hatte, hätten die Situation vielleicht noch auf diese Weise gelöst. Er hätte das natürlich auch tun können, aber das wäre nicht klug gewesen.
Noch bei der Anfahrt zum Termin hatten Pfahl und Schmitt über die Meldung gesprochen, auch ihrer beider Arbeitgeber habe nun die Entwicklung der Managergehälter an jene der Arbeiterlöhne gekoppelt. Selbstverständlich hatten beide gesagt, sie fänden die Regelung gut, aber nur einer von beiden hatte die Wahrheit gesagt. Pfahl blieb keine Wahl. Wenn er wollte, dass es seinem Gehalt weiterhin gutging, musste er dafür sorgen, dass es auch seinen Mitarbeitern gutging, und das hieß im Augenblick: Schmitt nach Hause fahren. Also tat er das. Dort angekommen, sprang Pfahl, ganz wie früher, aus dem Wagen und riss die hintere Tür auf. Durchaus mit einer gewissen Majestät stieg Schmitt aus. Wie aus längst vergessener Gewohnheit entfuhr es Pfahl: Wann darf ich Sie morgen abholen?
Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Cyprian Koscielniak