Von Georg M. Oswald
20. November 2009 Herr Gant? Würden Sie bitte den Tisch decken? Weißes Geschirr, blaue Servietten, Wassergläser, Gebäck und so weiter, Sie wissen schon . . . Sicher, Frau Gross. Gant bemühte sich, so zu klingen, als hätte seine Vorgesetzte gerade etwas ganz Normales von ihm verlangt. Er war gewarnt worden. Von ihr selbst, bei seiner Einstellung. Wenn Sie mein Assistent werden, hatte Frau Gross gesagt, Geschäftsführerin Creative, bedeutet das nicht, dass Sie mir assistieren - es bedeutet, dass Sie mir gehorchen! Sicher, Frau Gross, hatte er geantwortet. Auch damals hatte er sich bemüht, so zu klingen, als hätte sie gerade etwas ganz Normales gesagt.
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Das hatte in der Stellenausschreibung gestanden, auf die er sich beworben hatte. Von Tischdecken hatte nichts darin gestanden. Doch vor wichtigen Sitzungen bat sie ihn regelmäßig darum. Es bereitete ihm nicht das geringste Vergnügen, von den Eintreffenden für einen Angehörigen des Facility Managements gehalten zu werden, aber er wollte tapfer sein.
Diesmal jedoch meinte Gant, als Frau Gross ihm auftrug, den Tisch zu decken, den winzigen Anflug eines Lächelns bei ihr entdeckt zu haben. Er begriff, dass es ihr etwas gab, ihn diese Arbeit tun zu lassen. Allein deshalb verlangte sie es von ihm. Dafür stand er nicht zur Verfügung. Doch Frau Gross war niemand, dem man so einfach widersprechen konnte. Sie neigte zu Ausfälligkeiten. Beim nächsten Mal aber würde er wohlbegründeten Einspruch einlegen, rechtzeitig. Und er würde vorher eine Alternativlösung entwickeln, damit sie sich nicht auf Sachzwänge herausreden konnte.
Vor der nächsten Sitzung rief sie ihn wie immer zu sich. Er ging zu ihr, nahm allen Mut zusammen und war fest entschlossen. Als er vor ihr stand, holte sie Luft, sah ihn an, wollte sichtlich schon ihren üblichen Auftrag erteilen und hielt dann doch inne. Es kam Gant vor, als lese sie seine Gedanken. Sie sagte: Ich frage mich manchmal, ob ich Ihnen das wirklich zumuten kann, jedes Mal den Tisch zu decken. Vielleicht sollte ich mich nach einem anderen Assistenten umsehen. Nicht doch, Frau Gross, sagte Gant. Für mich ist das überhaupt kein Problem!
Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Cyprian Koscielniak