Von Mark Siemons, Peking
10. März 2008 Jinpai: global gebräuchliche Währung für Bedeutungsverschiebungen unter Nationalstaaten. Im Fall des Gastgeberlands China sah die Kurve in den vergangenen zwanzig Jahren so aus: Los Angeles 1984 (als die Sowjetunion und die Warschauer-Pakt-Staaten die Spiele boykottierten): fünfzehn Goldmedaillen; Seoul 1988: fünf; Barcelona 1992 (nach dem Untergang der Sowjetunion): sechzehn; Atlanta 1996: sechzehn; Sydney 2000: achtundzwanzig; Athen 2004: zweiunddreißig. Damit hatte die Volksrepublik im Medaillenspiegel die zweite Stelle hinter den Vereinigten Staaten erreicht, die sechsunddreißig Goldmedaillen gewonnen hatten.
Was würde es nun bedeuten, wenn China dieses Jahr mehr Goldmedaillen als Amerika gewinnt und damit zum ersten Mal an der Spitze des Medaillenspiegels steht? Welche Folgen hätte es für das Geschichtsgefühl des Westens, wenn seine Leitmacht, der im Kalten Krieg allenfalls der Systemkonkurrent gefährlich werden konnte und danach niemand mehr, plötzlich von einer neuen Macht überholt würde?
Bisher sah es so aus, als lege es China auf die Herbeiführung dieser Spekulation geradezu an: Wie selbstverständlich strebte es 119 Medaillen insgesamt und die meisten Goldmedaillen an. Seit November aber werden neue Töne angeschlagen. Cui Dalin, Vizeminister für Sport, gab offiziell zu Protokoll, dass die Vereinigten Staaten die stärkste Macht der Welt seien: China hat niemals erwartet, den Medaillenspiegel in Peking anzuführen.
Gewiss spielt bei dieser neuen Bescheidenheit eine realistische Lageeinschätzung nach den Weltmeisterschaften des vergangenen Jahres eine Rolle und auch der Wunsch, den eigenen Athleten den Druck zu nehmen. Aber vielleicht auch der Gedanke, dass eine wirklich angehende Weltmacht eher das symbolische Kapital der Sympathie brauchen kann als das der Einschüchterung.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.
