Olympisches Lexikon: L

Ein Kampf um Lügen, Werte und Anerkennung

Von Mark Siemons, Peking

08. Mai 2008 Lhasa, Schauplatz der bisher größten Herausforderung der Spiele in Peking. Als dort am 14. März gewaltsame Unruhen ausbrachen, war zunächst nur eines klar: dass die relative Stille der letzten Jahre getrogen und dass die patriarchalische, die kulturelle Selbstbestimmung verweigernde Tibet-Politik der chinesischen Regierung die Region keineswegs befriedet hatte.

Im Westen erzeugte die Nachricht indessen augenblicklich noch eine andere Evidenz: dass sie mit Olympia zu tun habe. Die Frage, ob die westlichen Länder die Spiele boykottieren sollten, bekam eine bislang ungekannte Dringlichkeit. Im Rückblick erscheint die Verknüpfung nicht mehr ganz so selbstverständlich, da die tibetischen Zustände, die zu der Eruption führten, sich seit der Zeit, als Peking die Spiele zugesprochen wurden, nicht verändert haben. Und noch eine weitere Voraussetzung, die bei der Boykott-Diskussion gemacht wurde, ist bei nachträglicher Betrachtung erklärungsbedürftig: dass Olympia vor allem oder sogar ausschließlich eine Sache der chinesischen Regierung sei und nicht etwa auch der gesamten chinesischen Bevölkerung oder gar, wie Coubertin es sich gedacht hatte, aller Völker - eine Folge zweifellos auch des Eifers, mit dem Peking selber die Spiele zu seiner Haupt- und Staatsaktion gemacht hatte. Die Idee der Debatte war, das Regime durch die Boykottdrohung zu einem Einlenken in Tibet und auch sonst zu einer vermehrten Achtung der Menschenrechte zu bewegen.

Massive Abschottung

Doch Peking reagierte mit der massivsten Kommunikationsabschottung seit langem. Kein ausländischer Journalist wurde mehr in die Region gelassen, neue Umerziehungskampagnen wurden angekündigt, die Sprache fiel in längst überwunden geglaubte Konfrontationsmuster aus der Kulturrevolution zurück („Volkskrieg“), und der Dalai Lama wurde auch dann noch wüst beschimpft, als die unterbrochenen Gespräche mit seinen Emissären wiederaufgenommen wurden.

Die heftigste Reaktion rief die Boykottdiskussion bei der Bevölkerung hervor. Sie bezog diese nicht in erster Linie auf das Regime, sondern auf sich selbst. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte die Propaganda für Olympia als patriotisches Projekt wenigstens bei der abgeklärten Stadtbevölkerung nicht recht gezündet: Bei einer wachsenden Zahl von Pekingern weckte sie vor allem das Verlangen, das Spektakel möglichst rasch hinter sich zu haben. Nun aber interpretierte die chinesische Gesellschaft die Störungen des Fackellaufs in London, Paris und Los Angeles als Zurückweisung ihrer selbst und reagierte mit Trotz. Auf einmal machten sich auch Künstler und Intellektuelle und sogar Regimekritiker die olympische Sache zu eigen. Im Internet wurde zu Kampagnen gegen westliche Medien aufgerufen, denen man manipulative Darstellungen der tibetischen Ereignisse vorwarf (siehe: China und der Westen: Im Sturm der Kampagnen), und es dauerte nicht lange, bis die Regierung diese Bewegung selbst befeuerte, um sie dann wieder souverän eindämmen zu können. Nationalflaggen fanden reißenden Absatz und wurden in Großlieferungen den Landsleuten in der Diaspora zugestellt.

Zwei Konzepte von Öffentlichkeit

Wahrscheinlich war es unausweichlich, dass eine Konfrontation dieser Art irgendwann kommen würde. Denn außer den konkreten politischen Streitpunkten und Interessen stoßen da auch zwei Konzepte von Öffentlichkeit aufeinander, deren Gegensätzlichkeit keinen bequemen Kompromiss erlaubt. Bei der westlichen Öffentlichkeit erzeugt das Ansinnen, sich unter dem Leitmotto der „Harmonie“ in ein schön inszeniertes Bild apolitischer, diskussionsfreier Spiele einzufügen, einen wachsenden Widerwillen. Angesichts der Schweigegebote einer diktatorischen Herrschaft fürchtet sie, durch ein Aufgehen im sprachlosen Sport mit der Lüge des Unausgesprochenen, offiziell Verdrängten zu kollaborieren und damit die mühsam erworbenen eigenen Prinzipien einer demokratischen Öffentlichkeit zu verraten, sich selbst aufzugeben: Das Menschenrecht, das der Westen mit seiner Olympiadebatte als Allererstes verteidigen will, ist die eigene Meinungsfreiheit.

In China ist eine solche sich selbst regulierende und behauptende Öffentlichkeit dagegen kein absoluter Wert. Die Bevölkerung scheint sich an die Untergliederung in Teilöffentlichkeiten gewöhnt zu haben, deren jeweilige relativen Freiheiten gegeneinander abgegrenzt sind und damit das große Ganze, für das allein die Zentrale der Kommunistischen Partei zuständig sein will, in keinem Moment gefährdet. Unter Freunden, auf der Straße, im Kollegenkreis, in akademischen Zirkeln und Fachzeitschriften lässt sich heute offen und kritisch sprechen unter der unausgesprochenen, aber jedem präsenten Bedingung, dass die Meinungsäußerung nicht den ihr vorgesehenen Rahmen überschreitet und sich eine ihr nicht zugestandene Totalität anmaßt.

Das Trauma des „Chaos“

Potentiell entgrenzte Räume wie das Internet werden deshalb mit besonderer Sorgfalt überwacht und mit kleinen Polizeicartoons versehen, die die Bürger an ihre Pflicht zur freiwilligen Selbstkontrolle erinnern. Offenkundig stellt diese Unterordnung der Öffentlichkeit unter die Werte Stabilität und Harmonie für den weit überwiegenden Teil der vom Trauma des „Chaos“ (Bürgerkrieg, Kulturrevolution) geprägten Bevölkerung keinen Skandal dar, der sie auf die Barrikaden treibt. Vielmehr wird die westliche Empfindlichkeit bei diesem Punkt als übertrieben und unverständlich angesehen.

Bei den Spielen selbst, wenn zwanzigtausend Reporter in die Stadt kommen und berichten, werden die Konzepte einander direkt gegenüberstehen. Zu Chinas Aufstieg gehört, dass das Land sich auf Dauer mit den Usancen offener Mediengesellschaften arrangieren müssen wird. Aber auch für den Westen hängt einiges davon ab, ob er sich einer Bevölkerung verständlich machen können wird, die die Welt nicht wie er selbst als einzigen großen, von geopolitischen Interessen unabhängigen Diskursraum sieht.



Text: F.A.Z.

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