Von Mark Siemons, Peking
18. Februar 2008 Kaimushi: das Herzstück der kulturellen Mission Chinas bei diesen Spielen. Im einstündigen künstlerischen Teil, der auf die Parade der Athleten und die Eröffnung durch das Staatsoberhaupt folgt, sollen dargestellt werden: die farbige chinesische Kultur in den fünftausend Jahren ihrer Geschichte, der Geist des chinesischen Volkes in der modernen Gesellschaft, der olympische Geist, die Großzügigkeit des chinesischen Volkes.
Wie man sich das im Einzelnen vorstellen kann, ist streng geheim. Nur zehn Menschen auf der ganzen Welt seien in die Details eingeweiht, sagte kürzlich ein Beamter, als er ein das Programm betreffendes Gerücht zurückwies. Jeder der dreihundert Mitarbeiter im zentralen operation center für die Eröffnungsfeier verpflichtet sich, Stillschweigen über das zu bewahren, was er dort sieht und hört. Auf einer Kalligraphie im zentralen Büro ist zu lesen: Die Interessen des Mutterlands stehen über allem. Selbst Reporter hochoffizieller Staatsorgane mussten erleben, dass der normale Olympiapass dort nicht gilt: Man braucht die Unterschrift von nicht weniger als acht Berechtigten, um den Hochsicherheitstrakt am nördlichen Fünften Ring zu betreten. Jeder der Mitwirkenden - mehrere zehntausend insgesamt - kennt nur seinen Teil der Show, erst später werden die Elemente zusammengefügt.
Das Lächeln von zehntausend Kindern
Offiziell ist nur, was der Vizepräsident des Organisationskomitees, Jiang Xiaoyu, ankündigte: Wir wollen Pomp mit außerordentlichen chinesischen Kennzeichen voller Hightech-Effekte und Interaktion mit dem Publikum. Dafür stehen neben dem Zeremonienmeister, dem Filmregisseur Zhang Yimou, seine internationalen Berater: der Multimedia-Experte Yves Pepin und der Spektakel-Spezialist Ric Birch. Außerdem wird das gesammelte Lächeln von zehntausend Kindern aus der ganzen Welt zur Aufführung kommen. Steven Spielberg hingegen hat sich zurückgezogen, um so gegen die chinesische Sudan-Politik zu protestieren. Er habe Peking bereits mehrfach gebeten, seinen Einfluss geltend zu machen, um die Lage in Darfur zu verbessern. Doch nichts sei passiert. Nun könne er eine Mitwirkung an Chinas Spielen vor seinem Gewissen nicht mehr verantworten, so Spielberg.
Klar ist, dass die Zeremonie in einem großen Zeichen gipfeln soll, das sich keineswegs darin erschöpft, patriotisch zu sein: Dieses Zeichen müsse vielmehr das Herz der Welt ergreifen. Es müsse ein Markstein sein. Es müsse ein Spiegel sein, in den die Welt blicke und erröte. Dies hat nun kein zuständiger Funktionär gesagt, sondern bloß eine Romanfigur aus Musils Mann ohne Eigenschaften über ein hochwichtiges Spektakel namens Parallelaktion am Ende der Habsburger-Ära. Aber letzten Endes kann man sich die Eröffnungsfeier auch wie eine solche Parallelaktion denken, die eine Epochenzäsur sowohl ausdrückt wie darstellt. Kein Wunder also, dass sie Staatsgeheimnis ist. Dass es die größte und beste Zeremonie werden soll, die die Weltgeschichte jemals gesehen hat, wurde allerdings schon mehrfach dementiert.
Text: F.A.Z., 29.01.2008, Nr. 24 / Seite 44
Bildmaterial: F.A.Z.
