Olympisches Lexikon: K

Man reckt sich wie ein Bär

Von Mark Siemons, Peking

01. April 2008 Shenti: das Objekt jener Begierde, immer weiter über sich und andere hinauszugehen, die auch „Sport“ genannt wird. Gemäß einer neueren Sprachregelung lässt sich die Geschichte dieser Art Leibesertüchtigung in China bis in unvordenkliche Zeiten zurückverfolgen, wo man schon Fußball, Handball und Golf gespielt habe, als es „den Westen“ noch gar nicht gab. Aber das ist eine rückwirkende Anpassung an europäische Kategorien, die China erst durch die Kolonialmächte im 19. Jahrhundert kennenlernte.

Vorher war sein Konzept des Körpers dem des westlichen Sports geradezu entgegengesetzt, und es ist dies im Alltag heute oft immer noch. Nicht Siege und Rekorde strebt die chinesische Körperkultivierung an, sondern im Gegenteil ein Einschwingen ins Normalmaß der Natur. Besonders hoch geschätzt wird daher seit alters ein Spiel, das die Bewegungen von Tieren nachahmt: Man reckt sich wie ein Bär, streckt sich wie ein Kranich und lernt auf diese Weise vor allem, wie man richtig atmet.

Der französische Sinologe François Jullien hat einmal bemerkt, in der ganzen chinesischen Geistesgeschichte finde sich kein einziger Denker, der sich so wie Marc Aurel über die Vergeblichkeit des ewigen Ein- und Ausatmens beklagt; stattdessen sehen darin alle den Inbegriff des Lebens, über das auch das tiefste Denken nicht hinauskommen könne. Kein Wunder, dass sich in den gängigen Ratgebern zur Leibesertüchtigung die Grenzen zwischen Atem, Geist und Körper auflösen. Und als das höchste Ideal jener physischen Übung, die den Menschen von unnützen Gedanken und schädlichen Emotionen befreit, erscheint die Vereinigung von Bewegung und Bewegungslosigkeit. Bei den Olympischen Spielen ließe sich mit einem solchen Zustand wohl kaum etwas gewinnen, aber darauf allein kommt es ja nicht an.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.-Siemons

 
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