Olympisches Lexikon: Z

Vom Leben nach Olympia

Von Mark Siemons, Peking

24. Juli 2008 Weilai: großes Rätsel. „Gibt es ein Leben nach Olympia?“, lautete die Frage, die immer größer, bedrohlicher und aufgeladener mit abergläubischen Energien wurde, je mehr sich der 2001 gestartete und mit stetig wachsender Dringlichkeit zelebrierte Countdown zu den Spielen seinem unausweichlichen Ende näherte. In den letzten Monaten hat sich die Frage in China allerdings durch den Tibet-Konflikt und das Erdbeben von Sichuan stark relativiert. Seitdem glaubt niemand mehr der offiziellen Propaganda, dass die Spiele der Kulminationspunkt der chinesischen Geschichte seien, nach dem einem allenfalls noch die Weltausstellung 2010 in Schanghai als teleologischer Fixpunkt bleibe.

Andere Kontinuitäten aus der Vergangenheit des Landes treten wieder stärker ins Bewusstsein und lassen den Olympia-Event bloß wie ein Kräuseln an der Wasseroberfläche erscheinen. Die Not der Erdbebenopfer lenkte die Aufmerksamkeit etwa auf die Bekämpfung der sozialen Ungleichheit, die die einen Landsleute in der Ersten Welt leben lässt und viele andere in der Dritten. Das Kommunikationsdesaster nach den tibetischen Unruhen machte deutlich, wie viel noch für eine Verständigung mit dem Westen zu tun bleibt, was die Verständigung mit den nationalen Minderheiten im eigenen Land mit einschließt.

Spannend wird es erst nach Olympia

Und nachdem vor den Spielen die Ideologen der „Stabilität“ und Überwachung die Oberhand bekommen haben, die die Medien und das Internet weit schärfer als in den letzten Jahren üblich zu kontrollieren suchen, wird danach bald wieder die Frage im Raum stehen, auf welchen Wegen mehr Demokratie und Meinungsfreiheit zu erreichen sind. Für all diese Fragen können die Spiele und was in ihrem Umfeld geschieht ein Katalysator sein. Aber so richtig spannend wird China erst nach Olympia.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.-Siemons

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche