Olympisches Lexikon: I

„Das Copyright an den Athleten gehört dem Staat“

Von Mark Siemons, Peking

01. April 2008 Ouxiang: Superstars des Sports, deren Bedeutung als Repräsentanten der Nation immer mehr wächst, in jüngster Zeit sogar jene von Filmschauspielern überragt und schon an die von Weltraumfahrern heranreicht. Zentral ist Liu Xiang, dessen als selbstverständlich vorausgesetzte Teilnahme am Finale im 110-Meter-Hürdenlauf am Abend des 21. August für das chinesische Publikum schon jetzt als wichtigstes Ereignis der Spiele feststeht.

Als er in Athen 2004 Gold in dieser Disziplin gewann, war das nicht bloß deswegen eine Überraschung, weil da ein Chinese in einem Kernwettkampf der Leichtathletik siegte; es fiel auch sein impulsives, offensives, selbstbewusstes Wesen auf, das mit dem westlichen Bild von vermeintlich nur in der Gruppe agierenden, ferngesteuerten chinesischen Athleten nicht übereinstimmte. So wurde er auch im Inland zur Symbolfigur des neuen China, als solche kürzlich sogar zu einem der jüngsten Mitglieder der Politischen Konsultativkonferenz des Chinesischen Volkes.

Markt und Charakter

Anders als bei den nationalen Helden älterer Art, etwa aus dem militärischen Bereich, spielen bei den Sportidolen freilich zwei Kategorien eine Rolle, die mit dem Mutterland in ein sorgfältig austariertes Verhältnis gebracht werden müssen: Markt und Charakter. Der Marktwert steigt parallel zum nationalen Repräsentationsnutzen in Abhängigkeit nicht nur von der sportlichen Leistung, sondern auch von der Farbigkeit des Charakters. Doch wenn einer der Faktoren ein zu starkes Gewicht bekommt, gerät das Ganze in Gefahr. Liu Xiang scheint diesbezüglich noch keinen Fehler gemacht zu haben; trotz seiner zahlreichen Werbe- und Sponsorenverträge, die ihm unter anderem immerhin eine Versicherung seiner unschätzbaren Beine über umgerechnet neun Millionen Euro einbrachten, soll er bei aller Energie weiterhin so gutherzig und familienorientiert sein, wie es das Image des Mutterlands verträgt.

Anders verhält es sich mit Guo Jingjing. Die unbestrittene Königin des Turmspringens (acht Goldmedaillen bei fünf Weltmeisterschaften) zieht immer wieder den Unmut offizieller Stellen auf sich, nicht bloß wegen ihres ungezogenen Benehmens bei Interviews („wie ein Showstar“). Vielmehr wird ihre Präsenz in der Boulevardpresse (ihr Freund ist der bedeutende Hongkonger Playboy Kenneth Fok) ebenso wie im Kosmetikmarketing als übertrieben eingestuft, so dass sich ein Professor von der Pekinger Universität für Leibeserziehung zu der Klarstellung veranlasst sah: „Das Copyright an den chinesischen Athleten gehört dem Staat, nicht den Athleten selbst.“ Guo formulierte daraufhin eine Selbstkritik, der zufolge das nationale Turmspringteam für sie „eine warme Familie“ sei, zu der sie immer wieder zurückkommen wolle.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.

 
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