Von Mark Siemons, Peking
07. Januar 2008 Nong Min Gong, im Deutschen auch Wanderarbeiter: Leute vom Land, die den materiellen Unterbau des neuen Peking und seiner Spiele schaffen, hinsichtlich des ideologischen Überbaus aber seitens der staatlichen Autoritäten als Problem gelten.
Unbestritten ist, dass ohne die 4,5 Millionen Pekinger Bauernarbeiter die Stadt ihre spektakulären neuen Stadien und Wahrzeichen kaum so schnell und kostengünstig errichten könnte; laut offiziellen Angaben werden ihnen im Durchschnitt 996 Yuan (etwa 95 Euro) im Monat gezahlt. Doch ihr Status ist ungesichert: Da sie keine städtische Registrierung bekommen, sind sie bloß geduldet und nicht als vollwertige Stadtbürger anerkannt.
Ohne Hemd ist peinlich
Entsprechend uneindeutig ist ihre symbolische Rolle. Auf der einen Seite gehören sie zu den wichtigsten Statisten der Galashows, die jetzt mit steigernder Frequenz vor der Kulisse des Olympiastadions das Fernsehpublikum auf die Spiele einstimmen: Sie repräsentieren mit ihren bunten Bauhelmen dann fröhlich lachend gewissermaßen das Volk.
Auf der anderen Seite entsprechen ihr Habitus und Dresscode nicht der Idee, die die leitenden Strategen dem internationalen Publikum über den Weg einer alten Hochkultur zur modernen Weltmacht vermitteln wollen. Dass da im August womöglich Millionen Arbeiter mit freiem Oberkörper am Straßenrand sitzen und Bier trinken, ist den zentralen Imageplanern eine peinliche Vorstellung. Verdächtig oft hat die Stadtregierung jetzt schon dementiert, dass sie die Bauernarbeiter für die Zeit der Spiele aus der Stadt herausbefördern wolle.
Nichts wird dem Zufall überlassen
Experten halten es aber für ausgeschlossen, dass die Kulisse einfach dem Zufall überlassen wird. Als in einer Zeitung der extravagante Vorschlag gemacht wurde, die Bauernarbeiter doch einfach dort sein zu lassen, wo sie sind, um der Welt das wahre China zu zeigen, bezeichnete ein Blogger das als eine interessante, aber aussichtslose Idee: Es werden nächstes Jahr definitiv keine Bauernarbeiter ohne Hemd für Ausländer zu sehen sein.
Der Blogger spekulierte, dass die Regierung einen Set adrette Olympia-Kleidung an die Bauernarbeiter ausgeben werde, die sie dann immer tragen müssten, wenn sie auf die Straße treten. Ein Großteil der Arbeiter wird voraussichtlich ohnehin nicht da sein. Die Bauprojekte dürften zur Zeit der Spiele ruhen, und den Eintritt in die Stadien können sich die, die sie gebaut haben, gar nicht leisten.
Text: F.A.Z., 04.01.2008, Nr. 3 / Seite 33
Bildmaterial: F.A.Z.
