Von Peter Schilder
22. August 2005 Müde sehen sie aus, die Teilnehmer des Weltjugendtags am Tag danach. An ihren Rucksäcken sind sie eindeutig zu identifizieren durch schwache Farbtupfer. Sie unterscheiden die Pilger von den Einkaufswütigen und Touristen, die am Tag nach dem Weltereignis die Hohe Straße in Köln wieder in Beschlag genommen haben.
Köln hat den Umstieg gut verkraftet. Der Alltag ist wieder eingekehrt. Die Strapazen der vergangenen 48 Stunden sind den Pilgern noch ins Gesicht geschrieben. Dennoch sind die verbliebenen Jugendlichen nicht nur Gestrandete, denen der Bus oder Zug davongefahren ist. Viele haben bewußt ein paar Tage länger eingeplant. Eine Gruppe von Kanadiern zum Beispiel will noch Berlin sehen, andere reisen noch nach Frankfurt und München weiter.
Chaos am Kölner Hauptbahnhof
Am Sonntagabend noch, so wird erzählt, hätten den Leuten des Krisenstabs die Schweißperlen auf der Stirn gestanden. Das Auflösungskonzept drohte zu scheitern und auf ein rundum gelungenes Fest einen Schatten zu werfen. Trotz einiger Schwächen ist alles gutgegangen, stellte Kölns Oberbürgermeister Fritz Schramma am Montag mit Blick auf die Bewältigung des Verkehrs fest. Der Transport der Hunderttausenden, die zum Schluß fast eine Million waren, war während des ganzen Treffens eine große Herausforderung. Rund um den Hauptbahnhof ging zeitweise nichts mehr, sagte Stadtdirektor Herbert Winkelhog am Montag. Am ersten Tag war der Betrieb der Kölner Verkehrsbetriebe fast zusammengebrochen. Daraufhin mobilisierte man alles Personal und Material, was zu erreichen war.
Die Deutsche Bahn, die sich an der Verkehrsleitzentrale nicht beteiligt hat, tat sich da schwerer. Auf den Hauptverbindungsstecken und Bahnhöfen ging es häufig chaotisch zu. Handschriftlich wurden die Eingangstüren des Hauptbahnhofs mit den Zusatz Eingang versehen. Darüber soll noch einmal gesprochen werden. Doch aufs Nachkarten und auf Schuldzuweisungen will sich nach dem Großereignis niemand einlassen. Das ist der Tag der Zufriedenheit. Es war die größte Lage nach dem Zweiten Weltkrieg, sagt Kölns Feuerwehrchef, Branddirektor Stephan Neuhoff. Dafür gab es keine Planungsvorlage.
Pilger ließen sich nicht aufhalten
Zur Sprache wird auch noch einmal der Abmarsch vom Marienfeld kommen. Nach dem Gottesdienst mit dem Papst haben die eine Million Besucher einfach nicht das getan, was sie eigentlich tun sollten. Nach der kalten Nacht sind sie nämlich nicht bei dem Konzert geblieben, sondern direkt aufgebrochen. Damit war die Planung zunichte gemacht und eine Schwachstelle aufgedeckt worden. Aus der Luft wurden die Pilgerströme beobachtet, die sich mit überraschender Schnelligkeit nach Frechen, Horrem oder Königsdorf bewegten.
Die Zeit zu reagieren war zu kurz. So kam es, daß sich vor dem Bahnhof in Horrem die Pilger kilometerweit und stundenlang stauten und in Frechen die Pendelbusse wegen der großen Zahl der Menschen gar nicht mehr fahren konnten. Wenn nichts mehr ging, dann sind die Pilger, des Gehens nach all den Tagen offenbar noch nicht müde, einfach weitermarschiert, manche bis nach Köln. Manche sind bis an den Rand der Erschöpfung geraten. Einige hatten einfach vergessen zu trinken und waren deshalb dehydriert. Nach einer Pause und reichlich Wasser ging es weiter.
Das Wunder von Köln
Von allen Seiten werden die Pilger gelobt. Geduldig seien sie gewesen, gesungen hätten sie statt zu schimpfen. Streitereien habe es nicht gegeben, auch Alkohol sei nicht übermäßig getrunken worden. Den Männern der Stadtreinigung in Köln ist die andere Zusammensetzung des Mülls aufgefallen. Weniger sei es gewesen. Vor allem sei Papier übriggeblieben, so gut wie kein Glasbruch oder anderer Dreck. Das werde beim Ringfest in der nächsten Woche ganz anders aussehen. Am Verhalten der Gäste liegt es wohl auch, daß während des ganzen Treffens kein einziger schwerer Unfall oder gar Todesfall zu verzeichnen war. Oberbürgermeister Schramma, der früher Lateinlehrer war, sprach vom miraculum coloniae, dem Wunder von Köln.
Zu den Wundern dieses Treffens gehört auch, daß schon am Sonntagabend die Lage entspannt war. Für etwa 1.200 Pilger waren noch einmal Notunterkünfte geöffnet worden. Aber niemand scheint verlorengegangen zu sein. Kein einziger Gast hatte bis Montag einen Asylantrag beim Kölner Ausländeramt gestellt - vor dem Treffen war über diese Möglichkeit heftig diskutiert worden. Statt dessen wurden Paßersatzpapiere für verlorene Ausweise ausgestellt. Die Frist der Visa für den Weltjugendtag geht bis zum 28. August. Möglicherweise wird dann doch noch der eine oder andere Asylantrag gestellt. Aber Massen von Menschen werden es nicht sein, die ihre Pilgerfahrt nach Deutschland ins Unendliche verlängern wollen.
Text: F.A.Z., 23.08.2005, Nr. 195 / Seite 7
Bildmaterial: dpa/dpaweb