Weltjugendtag

Ratzingers Lager

Von Edo Reents

21. August 2005 Manche unter denen, die im April die Wahl Joseph Ratzingers mit, wie es in Gottfried Kellers "Grünem Heinrich" (erste Fassung) heißt, Verwunderung und Teilnahme verfolgt hatten, konnten schon im Sinne gegenseitiger konfessioneller Profilschärfung nicht umhin zu sagen: Endlich wieder ein richtiger Katholik als Papst! Der neue würde, so die Erwartung, jeden Gedanken an innerkirchliche Reformen und ökumenischen Fortschritt im Keim ersticken. Nun, nach dem XX. Weltjugendtag, dieser Erblast von Johannes Paul II., die Benedikt XVI. auf deutschen Boden führte, muß der Befund ins Gegenteil verkehrt werden: Der Papst ist Protestant.

Er ist dies freilich nur im ästhetischen Sinne - ein Gesichtspunkt, der im liturgisch verarmten Protestantismus selber nur eine untergeordnete Rolle spielt und nicht dazu verleiten sollte, davon auf die Substanz seiner Anschauungen und seines Glaubens zu schließen. Wer ihn aber während der Kölner Tage erlebt hat, dürfte tatsächlich den Eindruck gewonnen haben, daß dieser Papst in seiner grundsätzlich abstrakten, logosorientierten Art etwas ausgesprochen Evangelisches hat und mit vermittelnden, ausschmückenden Dingen, wie sie dem Katholizismus wesenseigen sind, eher wenig anzufangen weiß. Daß er sich den Kuß des Fischerrings verbat und auch keinen Hirtenstab bei sich hatte, deutete auf die Kargheit jener Konfession hin, die als vollwertige Kirche ausdrücklich anzuerkennen er wieder einmal unterließ.

Vor allem bei den direkten, auf persönliche Nähe angelegten Begegnungen gab er das Bild eines Mannes ab, der die Dinge so schnell wie möglich hinter sich bringen und Gesten oder rituelle Handlungen, wie bei der fast flüchtig vorgenommenen Segnung eines schwerkranken Jungen auf offener Straße zu sehen, auf keinen Fall öffentlichkeitswirksam ausschlachten will. Seine Schüchternheit, sein Mangel an Geschmeidigkeit waren der sichtbare Ausdruck einer reservatio mentalis gegenüber dem Trubel, den als Event auszurufen nirgends unterlassen wurde, und trugen dazu bei, daß der Eindruck großer persönlicher Würde haftenblieb.

Das überläßt er lieber anderen

Allenthalben vermerkt wurde, daß der Papst noch fremdelt - mit der hoffnungsvollen Betonung auf "noch", so, als würde er es schon noch lernen, das zu werden, was die am reinen Glauben nicht nennenswert interessierte Öffentlichkeit für erstrebenswert hält: locker. Beim Amtsantritt hatte man denn auch nur seinen scharfen Verstand gelobt; was seine emotionalen Eigenschaften betraf, seine Herzenswärme, da war man sich weniger sicher.

Benedikt XVI. ließ bei allem, was er tat, auch diesmal keinen Zweifel daran, daß er Zeichen weltlichen Entgegenkommens lieber anderen überläßt. Nur als unter der am Samstag zu ihm vorgelassenen Prominenz auch der weltberühmte brasilianische Fußballer Pelé überraschend auftauchte und den Fischerring küßte, da kam der ehrliche Eindruck einer sozusagen naiven Volksfrömmigkeit auf. Das dürfte auch der Papst gespürt haben, sonst hätte er den Handrücken nicht von sich aus hingehalten, was er sonst nicht tat. Der Heilige Vater wußte ja, daß er es nicht mit frommen Menschen zu tun hatte, als er Gerhard Schröder und Angela Merkel begrüßte. Zu säkularisiert sind hierzulande das politische Personal und die Bevölkerung, als daß sich jene innige Einvernehmlichkeit hätte einstellen können, die in den mit leiser Enttäuschung vorgebrachten Berichten vom päpstlichen Fremdeln als heimliches Ideal nachklang.

So waren es unter den vielen, vielen tausend Pilgern, die sich die Woche über in dieser immer ein wenig schmuddeligen Stadt breitgemacht hatten, eben vor allem die Ausländer, die Italiener, Spanier und Südamerikaner, die die Wortführerschaft an sich rissen und mit ihren immer wieder anschwellenden, von Fahnenschwenken bunt untermalten "Benedetto"-Gesängen etwas praktizierten, was man im theologischen Sinne als eine freudig-aktive Unterwerfung deuten konnte, auf die sich die spröderen Deutschen weniger verstanden.

Er küßte keine Kinderstirnen

Dabei verzichtete man auf heimischer Seite darauf, den Gast noch einmal als Objekt eines Nationalstolzes für sich zu reklamieren. Augenscheinlich ist Joseph Ratzinger inzwischen so sehr eins geworden mit dem Amt, daß sogar das ewige Reformgerede, das laut wird, sobald von der katholischen Kirche die Rede ist, vor der päpstlichen Autorität für einen Moment verstummte. Ein junger deutscher Katholikensprecher hatte den Papst indes als "Inquisitor" tituliert - was Benedikt XVI. bis zu seiner Wahl freilich auch war - und wieder einmal dessen Unnachgiebigkeit bemängelt.

Ein Inquisitor: Wäre es denkbar, daß sich jene von Dostojewskij ersonnene, berühmte Figur, der Großinquisitor aus den "Brüdern Karamasow", jemanden zum Statthalter erkoren hätte wie den ehemaligen Kardinal-Glaubenspräfekten und nunmehrigen Papst? In dem Roman geht es um die Zumutungen der Freiheit des Glaubens und des Tuns. Die Einsicht in die menschliche Schwäche macht es dem Großinquisitor zur Pflicht, das Werk Jesu Christi in seinem eigenen Sinne zu vervollkommnen und gleichsam einen Schritt hinter die Befreiung der Menschheit zurückzutreten. Den Menschen erlaubt er zu sündigen und nimmt ihnen ihr Gewissen ab - zum Preis der unbedingten Unterwerfung unter seine Autorität. Diese Oberklugheit, die von Dostojewskij nicht als Beschwichtigung gedacht war, mutet in Zeiten, in denen auch der Glaube nach dem sogenannten Patchwork-Prinzip funktioniert, weltfremd an.

Auch der Papst bemühte sich gar nicht erst, die Differenz zwischen Anspruch und Realität, die jeder Religion innewohnt und ihr Spannung verleiht, mit der bequemen Aussicht zu leugnen, daß der rechte Glaube keinerlei Verpflichtungen nach sich ziehe. Persönlich widerstand er der Versuchung, die allenthalben aufgestellte Behauptung seines Charismas einzulösen. Es wurden keine Kinderstirnen geküßt, und es wurde auch nicht geschunkelt zu diesen manchmal ganz grauenhaften Popklängen am Wochenende auf dem Altarhügel. Der theologische Substanzverlust, der damit aus seiner Sicht einhergegangen wäre, dürfte für ihn die größte Gefahr darstellen und nötigte ihn zu jener Reserviertheit, an die eine auf Überschwang und Ekstase versessene Öffentlichkeit nicht mehr gewöhnt ist. Aber gerade dieses Bei-sich-Bleiben erzielte Wirkung und trug wohl auch dazu bei, daß die enormen Massen bei der Vigil am Samstag abend auf dem Marienfeld und der Sonntagsmesse ebendort so still und andächtig wurden, sobald es darauf ankam.

Das eigentliche Wunder dieser Tage

Schon deswegen ist es Unsinn, die Vigil als Woodstock zu bezeichnen, als Wiederkehr jenes legendären Popfestivals vom August 1969. Dieser Name zielt nur auf den kleinsten gemeinsamen Nenner: das zuweilen chaotische, aber insgesamt erstaunlich friedliche Massenerlebnis. Es gab am Wochenende lange Marschwege zum Feld, Erschöpfte und Unterkühlte - Vorkommnisse, die der Pilgerschaft, um die es sich ja insgesamt handelte, einen gleichsam geerdeten geistlichen Sinn gaben. Von Starkult aber kaum eine Spur. Daß Benedikt XVI. sich zu dergleichen auch weniger als sein Vorgänger eignet, dürfte deutlich geworden sein. Nur ab und zu, wenn man Teilnehmer fragte, was sie denn am Papst so fasziniere, und diese antworteten: die Tatsache oder Hoffnung, daß dieser den "Dialog mit anderen Religionen" voranbringe - da war es, als hätten Woodstock-Besucher immerzu von Frank Sinatra geschwärmt und nicht von der Musik, die tatsächlich gemacht wurde. Es ist allerdings richtig, daß der Weltjugendtag mehrheitlich von Menschen besucht wurde, die von der Popkultur sowie deren Äußerungsformen geprägt sind, die mit Andacht und Sammlung nichts zu tun haben. Daß sich beides am Samstag abend dennoch einstellte und ein, man könnte fast sagen: sittlicher Ernst dabei spürbar wurde, gehört zu den eigentlichen Wundern dieser Tage.

Die bis zum Wochenende diffus-dürftige Ereignishaftigkeit mochte von dem abweichen, was sich theologisch ambitionierte Beobachter erhofft hatten. Bei aller Mühe, welche die Medien damit hatten, alles als die persönliche Inszenierung eines gedankenlos zum Popstar hoch- oder besser niedergeschriebenen Kirchenoberhauptes zu betrachten, ging es fast unter, daß das einzige und von deutschen Kommentatoren prompt madig gemachte Ergebnis, das in einem engeren theologischen Sinne von Bedeutung ist, gerade nicht während eines Bades in der Menge erzielt wurde: die Rede in der Kölner Synagoge und die erleichterte Aufnahme, die sie beim Judentum fand.

Wie viele ihm wirklich folgen konnten?

Die Motivgemengelage aller Teilnehmer macht es schwer, von dem Ganzen ein auch nur einigermaßen klares Bild zu zeichnen. Die mobilisierende Kraft, die unbestreitbar davon ausging und wohl noch länger fortwirkt, wußte der Papst jedenfalls in seinem Sinne zu lenken. Das protokollarisch erzwungene Vorgeplänkel der ersten Tage ließ deren eigentlichen Höhepunkt um so heller strahlen: Am Wochenende verabreichte der Papst die reine Essenz des Glaubens, ohne auf dessen Zumutungen, die in der Konsequenz der Lebensführung liegen, konkreter einzugehen. Auch enthielt er sich jeglichen Hinweises auf Politisch-Humanitäres. Die sonntägliche Messe geriet ihm zu einer durch und durch geistlichen, von keinem weltlichen Element eingetrübten Veranstaltung, während der er nicht etwa, wie die Protestanten das tun, dazu einlud, sondern alle dazu aufforderte, der Gemeinschaft aus Papst und Bischöfen beizutreten, und das konnte nur heißen (wenn es auch nicht so formuliert wurde): Unterwerfung unter die päpstliche Autorität. Schon am Vorabend hatte Benedikt XVI. eindringlich auf die "Dimension der Berufung" hingewiesen: "Nicht ihr habt IHN erwählt, sondern ER hat euch erwählt."

Die Jugend war gekommen, um ihre "Spiritualität zu leben", als wäre das gar kein innerer, von äußeren Bedingungen unabhängiger Seinszustand, der des besonderen Ausdrucks gar nicht bedarf, sondern etwas, das man erst bei einem Event aktiviert. Sie hätte es als Zurückweisung empfinden müssen, als von den durchgeistigt-dünnen Lippen des Papstes Worte kamen, mit denen dieser auf eine "merkwürdige Gottesvergessenheit" zu sprechen kam, die eben nur einen "Boom des Religiösen" hervorrufe und keinen Glauben, der das Bewußtsein einschließt, daß eben nicht alles menschlich verfügbar ist.

Religion dürfe "kein Markenprodukt" werden, bei dem man sich das Passende heraussuche. Es blieb unklar, wie viele dieser energischen Wendung ins Transzendente folgen konnten. Der Papst vollzog sie ohne lächelnde oder gar augenzwinkernde Zugeständnisse und versicherte, nicht "alles schlechtreden zu wollen", was der Boom mit sich bringe. Damit war klar, daß er seine reservatio bis zum beeindruckenden Ende nicht abgelegt hatte. Nur weil sich die päpstliche Hauptperson in dieser Weise zurückhielt, war der Weltjugendtag mehr als ein Ereignis der alles entgrenzenden Popkultur.



Text: F.A.Z., 22.08.2005, Nr. 194 / Seite 31
Bildmaterial: dpa/dpaweb

 
 
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