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Geld und mehr Wunschkonzert für Bewerber Von Sebastian Balzter
Das Auto mag der Deutschen liebstes Kind sein, der Automobilindustrie aber bereiten die deutschen Ingenieure Sorgen. Der Fahrzeug- und Maschinenbau ist nach einer Studie des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) besonders betroffen vom einsetzenden Fachkräftemangel. Denn die boomende Branche, die ihren Umsatz seit 1997 mehr als verdoppelt hat, setzt wegen des zunehmenden Technologiegehalts verstärkt auf Akademiker. Die Absolventenzahlen in den einschlägigen Fächern gehen seit Jahren zurück. Wie Eckehart Rotter vom Verband der Automobilindustrie (VDA) berichtet, beschäftigen die Unternehmen bundesweit zurzeit 91000 Hochschulabsolventen, 6000 mehr als vor einem Jahr. Die Diplomierten machen damit nun gut 12 Prozent der 740000 Beschäftigten in der Branche aus. Zum Vergleich: Vor acht Jahren lag ihr Anteil bei 8 Prozent. Vor allem für die Elektronik, die mittlerweile 40 Prozent der Wertschöpfung in der Branche ausmache, benötigen die Firmen laut Rotter Spezialisten von den Hochschulen. "Die Unternehmen konkurrieren um gut ausgebildete Kräfte", sagt er. Konkurrenz um kluge Köpfe Besonders hart ist der Konkurrenzkampf für die oft mittelständischen Zulieferer. Auf dem Arbeitsmarkt haben sie fast genauso viel Gewicht wie die Konzerne, die Akademikerquote ist bei ihnen sogar eher noch höher - aber ihnen fehlt mitunter der Glanz großer Namen. "Die Situation ist schwierig, das Angebot an qualifizierten Kräften wird jeden Tag knapper", sagt zum Beispiel Alexandra Dantmann, die beim Fuldaer Engineering-Unternehmen Edag für die Personalentwicklung zuständig ist. 200 neue Mitarbeiter hat Edag im vergangenen Jahr eingestellt, rund 60 Prozent davon waren Akademiker. "Wir nutzen alle Kanäle, um unseren Ingenieurnachwuchs zu sichern", sagt Dantmann. Dazu gehöre neben Stellenanzeigen die Präsenz auf Recruiting-Messen genauso wie die enge Zusammenarbeit mit ausgewählten Hochschulen und Berufsakademien. Das machen aber auch andere Unternehmen im Wettbewerb um die klügsten Köpfe. "Wir suchen alle dasselbe - Experten für Maschinenbau, Berechnung, Elektrik, Konstruktion und Konzeption."
Wird auf dem Arbeitsmarkt tatsächlich ein Wunschkonzert für Bewerber gespielt? Nicht ganz so euphorisch, aber doch optimistisch klingt die Diagnose von Beate Raabe vom Arbeitsmarktservice der Bundesagentur für Arbeit (BA): "Die Lage ist für Bewerber insgesamt günstig." Die BA-Statistik für August weist zwar immerhin 5090 arbeitslos gemeldete Maschinen- und Fahrzeugbauer aus, die Zahl der offenen Stellen liegt nach Meinung von Experten aber deutlich darüber - der VDI spricht von 11500 unbesetzten Jobs in der Branche. In die alarmistischen Töne, mit denen Politik und Wirtschaft mitunter den Fachkräftemangel beschwören, mag Beate Raabe dennoch nicht einfallen. Vielmehr rät sie den Unternehmen, bei der Auswahl weniger zimperlich zu sein. "Und die Bewerber sollten sich nicht scheu machen lassen von den manchmal sehr speziellen Anforderungen, die in Stellenanzeigen stehen." Viele Arbeitgeber seien mittlerweile bereit, einen Generalisten einzustellen und dann für eine besondere Aufgabe fortzubilden. "Ein Bauingenieur hat das Konstruieren gelernt; ob es dabei um eine Brücke geht oder um ein Lkw-Dach, das ist oft zweitrangig." Mehr offene Stellen als arbeitslose Ingenieure - nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage muss das erfreuliche Folgen für die Geldbeutel der Berufseinsteiger haben. "Die Einstiegsgehälter sind gestiegen", bestätigt Alexandra Dantmann vom Zulieferer aus Fulda. Die Zahlen dazu liefert Martin Hofferberth, Vergütungsexperte der Management-Beratung Towers Perrin in Frankfurt. Wer in die Entwicklungsabteilung eines Zulieferers einsteigt, könne demnach heute mit einem Grundgehalt von knapp 53000 Euro rechnen - gut 10 Prozent mehr als vor zwei Jahren. Topgehälter für die Topleute
"Der Zuwachs war größer als in den Jahren zuvor, und er war größer als in anderen Branchen", sagt Hofferberth. Zählt man die variablen Vergütungsanteile dazu, kommt ein "Junior" in der Entwicklungsabteilung eines Zulieferers sogar auf ein Jahresgehalt von 58400 Euro. "Das ist aber auch die Crème de la Crème der Ingenieure", schränkt Hofferberth ein - oft haben die Bewerber zuvor schon an einer Hochschule geforscht. Allerdings haben auch die anderen Funktionen kräftig zugelegt. Im Fahrzeugbau lasse sich nun mehr verdienen als im Maschinenbau oder in der Elektrotechnik, sagt Hofferberth. Bei den großen Autobauern liegen die Gehälter nach seiner Einschätzung sogar noch um 5 bis 10 Prozent höher als bei den Zulieferern. Wie begegnen die Unternehmen der Entwicklung, dass gut ausgebildetes Personal nicht nur teurer, sondern auch knapp wird? "Wir sprechen uns für eine Lockerung der Zuwanderungsregelungen aus", formuliert VDI-Sprecher Rotter eine derzeit gängige Forderung. Ob sich auf diesem Weg der Nachwuchsmangel beheben lässt, ist jedoch fraglich, denn Ingenieure werden sich in Zukunft womöglich nicht nur in Deutschland ihre Arbeitgeber aussuchen können. "Norwegen und Dänemark beispielsweise werben schon jetzt offensiv um deutsche Fachkräfte", berichtet BA-Fachfrau Raabe. Frauen fehlen Ein großes Reservoir potentieller inländischer Mitarbeiter haben Autobauer und Zulieferer jedoch nach wie vor noch nicht erschlossen: Offenkundig gelingt es ihnen nicht, das Interesse der Frauen zu wecken, obwohl sie schon längst auch in Mädchenschulen gezielt Werbung für sich und die Ingenieurstudiengänge machen. So sind beispielsweise mehr als drei Viertel der neuen Edag-Mitarbeiter Männer. Die Erfahrungen des Zulieferers spiegeln die allgemeinen Verhältnisse an den ingenieurwissenschaftlichen Fakultäten der deutschen Universitäten und Fachhochschulen. Vor zwei Jahren waren nach Auskunft des Statistischen Bundesamts fast 92 Prozent der 8255 Maschinenbau-Absolventen in Deutschland Männer. Sie sind ähnlich dominant in den anderen Fächern, die für die Automobilbranche besonders interessant sind: in der Elektrotechnik (93 Prozent von 6653 Absolventen), in der Fahrzeugtechnik (96 Prozent von 937), in der Mechatronik (92 Prozent von 288), in den Werkstoffwissenschaften (72 Prozent von 512) und im Verkehrsingenieurwesen (77 Prozent von 118). Aber noch ist es für Frauen nicht zu spät, um an den guten Karriere- und Verdienstchancen im Autobau teilzuhaben - zumindest wenn Martin Hofferberths Prognose eintritt: "Ich glaube nicht, dass der Trend zu höheren Gehältern in der Branche in den nächsten Jahren abreißt." Text: F.A.Z., 15.09.2007, Nr. 215 / Seite C5Bildmaterial: F.A.Z. |
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